Kot und Spiele

Wir sind nicht hungrig genug. In Deutschland ändert sich nichts, weil wir nicht hungrig genug sind. Das fängt schon beim Essen an. Wenn es billiger ist, dann fressen wir auch Scheiße. Nicht etwa, weil wir so ausgehungert sind, sondern weil wir keinen echten Hunger mehr kennen. Der Unterschied ist ja, dass ein Verhungernder keine Wahl hat, aber wir fressen die Scheiße tatsächlich freiwillig. Hauptsache sie schmeckt nicht mehr danach. Sie sieht auch besser aus, keine Frage. Und immer genau gleich, das schaft eine Vertrautheit, an die man sich gewöhnt. Man kann Scheiße ja auch in jede erdenkliche Form pressen, genau wie schon das „Ausgangsmaterial“ von Fischstäbchen.

Förmchen
„Förmchen, Förmchen, aus allen Körnchen!“

Wir hätten den falschen Braten schon damals riechen können, schließlich glaubten wir genauso wenig noch an den Weihnachtsmann, wie an Captain Iglu. Franzosen kann man das im Gegensatz zu uns Deutschen nicht vor machen. Jedenfalls noch nicht so sehr, und ich will mich an dieses Klischee klammern und meine Gedanken daran aufwärmen. Liberté, égalité, fraternité! Ah, tut das gut. Besser als unser Käse. Fromage! Das zergeht einem auf der Zunge. Ein Franzose, der etwas auf sich hält, kauft teuren Käse für seine Käseplatte, die spart er sich nicht vom Munde ab, wie es so bescheuert bei uns heißt, sondern genau umgekehrt: Man verzichtet auf alles, aber nicht auf gutes Essen. Da läuft einem nicht nur das Wasser im Munde zusammen, es hält andere Körpersäfte ebenfalls in Bewegung. Auf den Gedanken am Essen zu sparen, käme der perfekte Fantasie-Franzose nicht.

Das Prinzip „Frischhaltefolie“ – wir strecken das immer gleiche Gericht, bis es zu schimmeln beginnt. Die letzten Reste werden zusammen gekratzt, eingewickelt und in den Kühlschrank gestellt. Für später. Daher kommt bei uns immer alles später an. Wir begreifen es erst, wenn wir die Folie abziehen, und erkennen, dass das darunter Verborgene so ziemlich alles ist, nur nicht mehr „frisch“. Vielleicht war es schon immer ungenießbar, was ebenfalls erklären könnte, warum Reste davon übrig blieben. Wir trennen uns in Deutschland nicht von dem, woran wir uns gewöhnt haben. Das nennt man nicht Wessi oder Ossi, sondern Messi. Wir trennen zwar unseren Müll, aber uns nicht von unserem Müll. Kühlschank-Kultur.

Das hat auch Frau Merkel verinnerlicht, und zur Perfektion gebracht: Denn wo nichts mehr drin ist, kann auch nichts verschimmeln. Projektionsfläche, Spiegel nicht vorhandener Wünsche und Visionen, kein gestalterischer Wille. Bei unseren Nachbarn gibt es da mehr Bewegung. Franzosen demonstrieren auch dann, wenn es politisch um die Wurst geht, oder ihnen die Wurst vom Brot geklaut wird. Bei uns gibt’s nur braune „Molekülbewegung“, die dann unendlich zynisch mit Dönern in Verbindung gebracht wird. Griff ins Klo. Die Scheiße am dampfen? In Frankreich brodelt es gerade, aber bei uns? Die GrossKoTzigkeit einer „großen Koalition“. Bayern München und Dortmund gleichzeitig in der Nationalmannschaft, bloß nichts entscheiden, jede eindeutige Entscheidung vermeiden und hinaus zögern.

Der entscheidende Unterschied zu Frankreich liegt in der Vergangenheit. Sturm auf die Bastille! Währenddessen Windstille am Brandenburger Tor. Franzosen machen in ihrer größten Not ihre Anführer einen Kopf kürzer, bei uns hingegen bezahlten stets nur die Revolutionäre mit ihrer Rübe für ihre Gedanken, die sie darin hatten. Immerhin hatten sie welche, und standen dafür ein. Der Deutsche Michel neigt lieber zur Obrigkeit, denn am Ende hat die meistens noch was auf dem Hals, wenn auch kein Rückgrat darunter. Alle sitzen sie in der Mitte, reklamieren sie für sich, und so ist alles eben höchstens mittelprächtig. Wir sparen am Essen und politischer Kultur, Hauptsache es macht satt. Irgendwie.

Das Gleiche Prinzip funktioniert auch in unserer Unterhaltungsindustrie. Auch hier zeigen wir keinen ausgeprägten Hunger nach neuen Formaten, so lange man uns die gibt, an die wir uns gewöhnt haben. Auch hier lohnt der Blick nach Frankreich, die Filmgewerkschaft sorgt dafür, dass bei der Mittagspause eine Pulle Rotwein auf dem Tisch steht. Kultur wird ernster genommen, als bei uns. Natürlich machen auch die Franzosen schlechte Filme oder weniger gutes Fernsehen, aber sie trauen sich deutlich mehr. Das Spektrum ist größer, und ist nur im Durchschnitt mit unserem Vergleichbar, wir machen von Anfang an nur noch Mittelmaß. Etwas anderes als „Mitte“ wird bei uns nicht mehr bedient, aber neidvoll blicken wir jedes Jahr nach Cannes, wenn dort andere Filme eingeladen und prämiert werden. Unsere kommen in die Kühltruhe der Berlinale. Alles frisch!

Der letzte Sargnagel in der neuen Kot und Spiele – Welt ist dann das nationale, oder auch europäische Internet. Das sind vielleicht die letzten Momente, in denen wir noch im Internet schreiben können, was wir wollen, auch wenn wir uns nicht aussuchen können welchen Algorhythmen gerade mitlesen. Die müssen gar nicht mehr lesen können, verdächtigen genügt schon, dann kümmert sich die nächste Formel um das weitere. Informationen rein, verarbeiten, am Ende kommt ein Scheiß-Urteil raus.

Spülung bitte!*

Al Bundy und seine Ferguson. Und auf Deutsch.

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* Aber nur echt mit Ba-Wooooosh!

Über Jens Prausnitz

Filmemacher, Vater, Ehemann. In Deutschland geboren, in Polen wohnhaft, in Europa zuhause.
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