Zukino

In den letzten Wochen bin ich über drei Links gestolpert, die für sich betrachtet mit einem Schulterzucken hingenommen werden können. Zusammen betrachtet, kombiniert mit ein bisschen Phantasie, sind sie Anzeichen für das Ende der Ära des Blockbusterkinos, und das next big thing nach 3D. Also erschreckt nicht zu sehr liebe Kinofreunde, wir bekommen bald unser verloren geglaubtes Kinogefühl zurück, während es für die jüngeren Generationen (sowie deren nicht zu beneidenden Eltern) eher so aussehen wird:


„Mama, ich seh die Leinwand nicht mehr!“

Keine Angst, das sind nur erste, stümperhafte Versuche, die Richtung kann man besser anhand einer anderen Franchise von Disney erahnen, an STAR WARS. Genauer, wenn man liest, woran Lucasfilm für die nahe Zukunft der Postproduktion arbeitet. Gleichzeitig nähert sich die Spieleindustrie von der anderen Seite her an, und wird ihrerseits immer ausgefuchster und filmischer. In Echtzeit.

Wenn man das etwas weiter spinnt, dann sehe ich bald meinen Sohn ein STAR WARS Spiel auf der Konsole spielen, deren hochauflösende Kamera sein Gesicht dabei aufnimmt (das nötige „Greenscreen-Extension-Kit“ habe ich ihm selbst zusammen gebaut, die DIY-Anleitung dazu findet man zuhauf im Internet, falls man nicht ein Ehemaliger ist, der das Wissen dazu sowieso mitbringt). Dann wird sein Gesicht in eine individualisierte Version eines Raumgefechts aus Episode 10 eingefügt, und er sieht sich selber an der Seite der Guten mitkämpfen. Je mehr Szenen er in dem begleitenden Spiel frei spielt, desto mehr rückt er auch in dem Film in die zweite Reihe auf. Und Mädchen dürfen die Klamotten der Prinzessin designen. Die Zeiten wo ein Film für alle gleich war, ist dann endgültig vorbei, und fungiert gleichzeitig als „praktischer“ Kopierschutz. Das ist so von gestern, und nur olle Cineasten (die man dann Cinealten nennt) trauern dem noch nach, wie irgendwann vorher mal dem Material, auf dem angeblich gedreht wurde, und das Film hieß.

Dem sind wir schon viel näher, als wir glauben. Wir akzeptieren jetzt schon geringere Qualität der aus Rederfarmen stammenden „Eier“, wir verlieren den Geschmack und das Auge für die feinen Unterschiede. Auch 3D akzeptieren wir, wenn es schlecht gemacht ist, wir begnügen uns mit einem „da war was“, wo es eigentlich nur schlechtes Handwerk zu begutachten gab. Die digitale Projektionsqualität mag sich im Zuge dessen verbessert haben, mit all den Formaten und Techniksprüngen kommt der Durchschnittszuschauer schon lange nicht mehr zurecht, ich bin längst müde geworden meine Mitmenschen darauf aufmerksam zu machen, dass sie ohne mit der Wimper zu zucken einen Film im falschen Seitenverhältnis anschauen. Macht ja auch oft so schön „schlank“. Vor drei Monaten habe ich nach Jahren(!) mal wieder eine abgenudelte, zerkratzte Filmkopie gesehen, und es war wundervoll. Laufstreifen! Sichtbare Klebestellen mit unbeabsichtigten Jump-Cuts! Echtes Filmkorn! Und dann befreift man, dass man sich längst an den sauberen, sterilen Digital-Look gewöhnt hat. Wir vergessen schnell. Ja, Filme auf Blu-ray sehen fantastisch aus, aber die meisten Filme, die ich auf dem Bildträger gerne sehen würde, gibt es nicht im Angebot, auch der long tail reicht da noch lange nicht in jeden Winkel.

Die letzte Bastion für uns Nörgler bleibt also die Geschichte, die erzählt wird. All die vorhersagbaren, seelenlosen Materialschlachten werden zu teuer, und so haucht man ihnen bald auf Umwegen die Seele der Zuschauer ein, und lässt sie dafür noch extra bezahlen. Unser Gehirn ergänzt ja schon im Alltag fehlende Informationen automatisch, bei Hörfrequenzen am Telefon ebenso wie am blinden Fleck im Auge. Vielleicht gelingt es bald, dass der Zuschauer die Texturen der alten STAR WARS Filme schon sieht, wenn sie nur angedeutet werden. Anders kann Disney bald kaum die Kapazitäten sicher stellen, die für weitere Filme im Jahrestakt nötig wären, bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Marvel-Franchise-Filme. Das ist eine Menge Holz. So lange man sich aber die Emotionen ebenfalls selbstständig ergänzen muss, sage ich nein Danke.

Die guten Geschichten überlässt man sicher schon bald ganz dem Fernsehen, netflix, und bald auch amazon, Google und Apple. Der Rest ist Crowdfunding für uns Filmfans, die wir noch anderes sehen wollen, oder unsere Lieblingsegisseure nicht verhungern lassen wollen.

Das große Geld macht dann längst die mit den Filmstudios fusionierte Spieleindustrie.

Während wir dann auf den Staffelstart unserer Lieblingsserien warten, greifen wir zum plötzlich merkwürdig verwandten Buch, und kehren vorrübergehend ganz ins Kopfkino zurück. Damit kann ich leben.

Update Oktober 2013: Noch ein Artikel zum Thema, diesmal eine Gruppe in Berlin…

Über Jens Prausnitz

Filmemacher, Vater, Ehemann.
In Deutschland geboren, in Polen wohnhaft, in Europa zuhause.

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