Ausgelacht

Wer in den späten 70er und den 80er Jahren in Deutschland aufgewachsen ist, kam an seinen Geschichten nicht vorbei, denn er hat sie alle geschrieben: Justus Pfaue, eine deutsche Drehbuchautoren-Legende. Er verstarb am vorletzten Wochenende im Alter von 71 Jahren, und das Fehlen würdiger, ausführlicher Nachrufe und Programmänderungen machen mich gerade so traurig, dass mir das Lachen ebenso vergangen ist, wie einer seiner berühmtesten Schöpfungen bzw. Romanadaptionen – Timm Thaler:


Pilotfolge von Timm Thaler

Deutlicher kann es das ZDF nicht zum Ausdruck bringen, was es von seinen Autoren, bzw. der Erinnerung an seinen einstigen Star-Autoren hält. Da werden zwei Fernsehfilme am Nachmittag auf zwei Kanälen ins Programm gehievt, ein paar Meldungen in den Nachrichten, das war’s, nicht einmal eine Talkshow nimmt sich seiner an – das allerdings ist vielleicht sogar als Glücksfall zu werten. Das ist ebenso Armutszeugnis wie eine Frechheit. Man schäme sich in Mainz bitte in Grund und Boden.

Angemessen wäre es gewesen, eine seiner Serien wieder ins Programm zu nehmen. Damit könnte man deutlich machen, das wir mal eine goldene Zeit der Kinder-Serien hatten, bei denen die ganze Familie vor dem Fernseher zusammen kam. Manches wirkt aus heutiger Sicht altbacken in der Inszenierung, doch erzählerisch hat man sich damals mehr getraut als heute. Man vergleiche bitte SILAS mit – ach egal womit! Unsympathische Erwachsene wohin das Auge blickt, das gibt es heute nur in den hochgelobten amerikanischen (und dänischen/skandinavischen, etc.) Qualitätsserien. Bei uns wird man einen Teufel tun und das Publikum daran erinnern, dass es das bei uns alles bereits einmal gab. In Serie. Also bloß ja keine schlafenden Hunde wecken.

Allein was man damals in das Production Design – Verzeihung, die „Bauten“ – investiert hat! Die Vulkaninsel-Wohnung in Timm Thaler, das Piratenschiff bei Jack Holborn… Handwerklich gab es eher bei der Kamera Defizite, nicht jede Serie hatte das Glück von Gernot Roll (HEIMAT), Joseph Vilsmaier (ROTE ERDE), oder Jost Vacano (DAS BOOT) fotografiert zu werden.

Kurz – das Deutsche Fernsehen war damals auf dem besten Wege in ein goldenes Serienzeitalter, dann kamen die Privaten und bereiteten dem ein schleichendes, bis ins heutige Zombiedasein verlängertes Ende ohne Ende. Und mit der Erinnerung an andere Zeiten sterben jetzt auch deren Autoren weg. Jetzt Justus Pfaue, letztes Jahr Peter Stripp, ebenfalls nahezu unbemerkt. Statt einmal die eigenen Protagonisten von Qualitätsserien zu „Panels“ einzuladen, holt man sich die amerikanischen Kollegen auf die Bühne, deren Serien bei uns in keinem Hauptprogramm laufen. Das ist schön und gut, aber als „Nachwuchsautor“ frage ich mich schon, warum man um die eigenen Vergangenheit und Geschichte einen derart großen Bogen macht. Wir können in Deutschland von weit mehr erzählen, als nur vom Krieg. Dem einen Krieg, an dem sich vor allem Nico Hofmann abarbeitet, wie vor ihm keiner. Wir dürfen es nicht.

Justus Pfaue war dabei ein Ausnahmetalent, denn seine Bücher waren nicht nur unterhaltsam für Groß und Klein, sie sorgten auch für Gesprächsstoff nach der Sichtung, waren Thema von Diskussionen – sorgten also jenseits der Ausstrahlung im wahrsten Sinne des Wortes für Unterhaltungen. Darüber breitet man heute lieber den Mantel des Schweigens. Das macht mich traurig und wütend. In unserer Generation war nicht die Frage beherrschend, ob man Fan von Elvis oder den Beatles war, sondern ob man es eher mit Tommy Ohrner (TIMM THALER, MANNI, DER LIBERO) oder Patrick Bach (SILAS, JACK HOLBORN) bzw. später mit Silvia Seidel (ANNA) hielt. Deren aller Vater war Justus Pfaue, und ich bin ihm ewig dankbar für unzählige Erinnerungen, die noch heute in meine Kindheit reichen, und diese für mich wieder lebendig werden lassen.

Danke für alles.

Über Jens Prausnitz

Filmemacher, Vater, Ehemann. In Deutschland geboren, in Polen wohnhaft, in Europa zuhause.
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