Camerimage 2014

Eine Liebeserklärung an das Filmfestival für Kameramänner und Kamerafrauen, sowie alle die es werden wollen schlechthin: Camerimage in Bydgoszcz, Polen. Es ist die 22. Ausgabe, mein zehntes Mal, und Zeit für eine Bilanz, um meiner schleichenden Entfremdung auf den Grund zu gehen.

CI2014stuff
Festivalkrimskrams

Dieses Festival ist etwas besonderes. Kein anderes hat eine derart familiäre Atmosphäre, was vielleicht auch daran liegt, das seit jeher Filmstudenten, die sich üblicherweise kein Hotelzimmer leisten können, bei Gastfamilien unterkommen, um dort mit der polnischen Gastfreundschaft konfrontiert zu werden, deren Herzlichkeit eben so rührend, wie reichhaltig an Kalorien ist. So erlebte ich selbst vor mittlerweile 15 Jahren mein erstes Camerimage, damals noch in Toruń, wie auch ein weiteres Mal in Łódź, danach nur noch in Hotels, in denen es fast immer Schwierigkeiten mit der Internetverbindung gab – was sich leider auch aktuell in Bydgoszcz fortsetzt. Seitdem schlafe ich dort zwar immer noch nicht viel mehr, aber verbringe deutlich mehr Zeit im Kino als auf den legendären Partys, die auch schon mal mit gefühlt 50 Studenten auf dem Hotelzimmer von Chris Doyle enden können. Dessen Schnapsnase begegnet man dort alle paar Jahre, und irgendwann hat man sich an seine Punk-Attitüde gewöhnt, und macht einen Bogen um ihn. Am anderen Ende des Spektrums begegnet man vollendeten Gentlemen wie Billy Williams, und seit ein paar Jahren auch Schnitt-Legenden wie Thelma Schoonmaker oder Pietro Scalia.

Was hat sich über die Jahre verändert?

Beginnt vielleicht hier meine Kritik, weil es mal mehr Schnittseminare dort gab? Nein, die Kritik muss bei wesentlichen Dingen ansetzen, sagt mir mein Bauchgefühl, also beim Bigos! Das polnische Nationalgericht, der großartigste Eintopf (einmal mit allem) war immer fester Bestandteil des Fesivals, das man sich an der Theke zwischen den Vorstellungen in sich reinschaufeln konnte – oft die einzige warme Mahlzeit, die man am ganzen Tag zu sich nahm, und obendrein ein Geheimrezept gegen jeden noch so bösen Kater – dieses Jahr fehlte es im Angebot. Eine Unverschämtheit! Terminlich liegt das Festival im sattesten Herbstgrau, da kommt es auf jedes Grad und jeden Löffel Wärme an, wenn man in Pfützen oder wahlweise Schneewehen versinkt – je nach Jahrgang. Stattdessen gibt es jetzt Camerimage-Wein. Ein schlechter Scherz, auch wenn ich ihn nicht probiert habe. Sinnvoller sind da schon die kuscheligen Mützen, die man sich unten am Infostand kaufen kann.

Unbestreitbar ist das Festival über die Jahre enorm gewachsen, und dabei seinen Platzansprüchen leider mindestens einen Schritt voraus. Immer neue Wettbewerbe kommen hinzu, Dokumentarfilme, Musikvideos, 3D, Debütfilme vom Regie- und Kameranachwuchs, Panorama, etc. im nächsten Jahr werden es wohl erstmalig mehr als 400 Filme sein, die das Festival zeigt, in einer Woche, neben zahlreichen Seminaren, Workshops, Pressekonferenzen, Ausstellungen, Konzerten und Partys. Auswählen musste man schon immer, nur wird es einem jedes Jahr schwieriger gemacht, und irgendwann gewinnt man den Eindruck, dass es längst mehr um Masse als Klasse geht, um möglicherweise diversen Entwürfen von Frank Gehry für ein leicht größenwahnsinniges Festivalcenter neue Nahrung zu geben.

Den schleichenden Wandel spürte man schon immer auf der Sponsorenseite, zwar sind noch immer ARRI und Panavision unter den Hauptsponsoren, doch der dritte im Bunde war stets Kodak, die dieses Jahr leider nur noch mit einem Seminar vertreten waren, und damit leider nicht mehr ansatzweise so prominent wie einst. Das macht traurig, zwischen all den Hawk-Objektiven und Lee-Filtern jetzt keine Filmdosen mehr zu haben. Dafür drängen sich immer mehr andere Hersteller hinzu, neben SONY beispielsweise Panasonic, neu als großer Player ist jetzt Canon im Foyer der Oper angekommen. Doch fehlen einem die Filmspulen, die einem früher zwischen den Vorstellungen fast über die Füße gerollt wurden, heute wird fast alles als DCP gezeigt, und mehr als das satte Schwarz vermisst man nur immer mal wieder das richtige Objektiv, um statt den Filmvorführer, die weniger üblichen Standardformate im richtigen Verhältnis vorzuführen. Nur ganze 2x kam ich dieses Jahr im Rahmen der Powell/Pressburger-Retrospektive noch in den Genuß einer echten Filmkopie. Es hat keine 10 Jahre gedauert, 100 Jahre Filmgeschichte nahezu vollständig zu verdrängen, und es mutet wie ein weiterer Fehler in einer langen Reihe bereits begangener an.

Dazu gehört auch, das ein beträchtlicher Teil des Programms ins benachbarte Muliplex ausgelagert wurde, was vor allem aufgrund der Nebeneffekte (Popcorn und Soundbrei, der aus dem Nolanzimmer rübersuppt) traurig stimmt. Ärgerlich ist schon der Reservierungsprozess, den man via Internet im Vorfeld erledigen kann – stets mit dem Ergebnis, das nahezu jede Vorstellung in Windeseile ausgebucht ist. Die Tickets kann man sich dann zwar abholen, und alle nicht abgeholten sind eine Viertelstunde vor Vorstellungsbeginn wieder für alle frei, nur sind am Ende trotzdem viele Säle nicht einmal halbvoll. Warum? Nun, einige kriegen den Hals nicht voll und gehen in andere Filme, kommen nicht aus dem Bett, oder gehen früher auf ein Party bzw. Einkaufen, und bei einer Retrospektive am Freitag Morgen sitzen dann gerade mal 15 Leute im Saal. Das verdirbt einem manchmal fast schon die Laune, vor allem wenn man den Andrang die 15 verbliebenen Minuten vor einer Vorstellung erlebt, und in einem vormals zu 100% reservierten Saal plötzlich 40% der Sitze frei werden. Vielen Dank auch, ihr unentschlossenen Arschlöcher.

Das Kino Orzeł hingegen bleibt für die intimeren Momente reserviert, und ist auch deshalb einen Besuch wert, weil man dort doch noch Bigos bekommt, wenn auch nur in der Mikrowelle aufgewärmtes. Immerhin.

Was ist denn geblieben?

Die Atmosphäre. Mit diesem Publikum einen Film zu sehen, bereitet mir jetzt noch genauso eine Gänsehaut, wie vor 15 Jahren, als ich das erste Mal dort war. Die Stimmung ist unvergleichlich, man erlebt Szenenapplaus nach herausragenden Momenten, bei schlechten Filmen gibt es Zwischenrufe, die sie für alle erträglicher machen. Als würde man mit seinem besten Kumpels Filme gucken, nur eben hoch 10. Mit diesem Publikum kann und möchte man sich jeden Film ansehen. Als Filmliebhaber ist man unter seinesgleichen, und da spielt es keine Rolle ob man 18 oder 88 ist. Das ist die alle Raster sprengende Zielgruppe, für die man Filme macht, liebe Fördergremien. Schreibt Euch das mal hinter die Ohren.

Neben den Akkreditierten, Studenten und anderen Filmschaffenden, sind mir in diesem Jahr besonders zwei ältere einheimische Damen aufgefallen, die sich Tickets kauften, zusammen ins Kino gingen, und dabei kicherten wie 14-jährige. Wunderbar. So möchte ich auch alt werden!

Ein Loblied singen möchte ich noch unbedingt auf Michał “Lonstar” Łuszczyński, die Seele und das Herz des Festivals, der einen täglich durch das Programm begleitet und übersetzt, was die anwesenden Ehrengäste so von sich geben. Stets unter seinem Cowboyhut hervornuschelnd, ist er die unverwechselbare Konstante, die einem so zuverlässig ein Lächeln aufs Gesicht zaubert, wie das musikalische Thema aus dem LETZTEN MOHIKANER für Gänsehaut sorgt, wenn es einem vor jedem Screening als Untermalung des Camerimage-Festival-Trailers begegnet. Die erste Minute davon habe ich dort unzählige Male gehört, und hat sich für den Rest meiner Tage untrennbar mit diesem Festival in meine Synapsen eingebrannt.


“The Last of the Mohicans”-Theme von Trevor Jones

Leider ist das nicht das einzige, was sich dort festsetzt, denn danach gibt es noch die Werbung der Sponsoren zu überstehen, was in den vergangenen Jahren einige seltsame Blüten trieb. Unübertroffen sind bis heute die Spots des Zementherstellers Atlas, der sich durch das Sponsoring einiger kultureller Events verdient gemacht hat:

Dennoch blieb die Wirkung inmitten von ARRI, Kodak und SONY Werbung schlicht einzigartig. Unangenehm fielen hingegen immer wieder lieblose (und schlechte) Renderings auf, wie allen voran dieses:

Da freute man sich, als im Publikum jemand auf die Idee kam hysterisch “Watch out!!!” zu schreien, was sich zu einem der vielen running-gags des Festivals entwickelte.

Manches vom Aufgezählten kann man diesem Ausnahmefestival zu seinem Nachteil auslegen, doch noch immer ist es der Ort, an dem ich mich im Kino rundum wohl und als Filmliebhaber gut aufgehoben fühle. Safe Screening, man holt sich nix, außer Begeisterung. Und wenn man sich die Mühe macht sich aus dem Programm nur die Rosinen heraus zu picken, dann ist es am Ende immer noch ein Füllhorn traumhafter Eindrücke. Sein Bigos findet man schließlich auch woanders in der Stadt (Tipp: hier) – bis nächstes Jahr.

Gewonnen hat dieses Jahr der russische Beitrag LEVIATHAN von Andrei Zvyagintsev, und wenig freut mich so sehr, als dass die internationale Jury gerade diesen Ausnahmefilm auszeichnete, was ihm womöglich eben jene Argumente mit auf den Weg gibt, um in seiner Heimat unzensiert ins Kino zu kommen, was ich ihm ebenso wünsche wie im Westen. Kultur setzt sich erfolgreich über Grenzen, Propaganda und Kriegstreiberei hinweg – das ist mein Camerimage.

PS: Abschließend noch die Auflösung für jenes Rätsel, das Euch womöglich seit Beginn dieses Artikels plagt: „Camerimage“ – wie spricht man das aus? Lange war ich der Auffassung, dass es in Anlehnung an die Brüder Lumière französisch angehaucht sein sollte, also “Kamärimaaahsch” – allerdings ist es doch eher die englische Variante, also “Kämerimitsch” – das war wohl der Beginn der Entzauberung, mit dem das Festival für mich schleichend seinen Charme verlor, und doch Jahr für Jahr zurückerobert.

PPS: Und noch ein Tipp, so naheliegend, dass ich erst in meinem 10. Jahr darauf gekommen bin: Man bekommt an der Garderobe eine Nummernplakette, von der man nie weiß, wo man sie sich hinstecken soll, damit man sie später wiederfindet. Man kann sie sich auch neben den Festivalpass um den Hals hängen. Ich Esel.

Patent
Halsweh

Eine Übersicht über meinen Festivalfilme und Links zu den Filmen gibts auf dieser Liste.

BIRDMAN
Camerimage 2014 – #1

Der beste Terry Gilliam Film bei dem er nicht selbst Regie geführt hat, den ich je gesehen habe. War vielleicht nicht der Film, mit dem ich ins Festival kommen wollte, zog mich dann aber doch in seinen Bann. Das Ensemble ist großartig, und es ist auch eine Freude sondergleichen Edward Norton mal wieder in einem richtig guten Film zu sehen. Keaton? Sowieso fantastisch. Und dann ist da noch der großartige Schlagzeug-Soundtrack, der mir direkt einen Vorgeschmack auf meinen Sonntag-Morgen-Film WHIPLASH gibt. Einzig bittere Note: vor allem bei der ersten Dachszenen Norton/Stone sticht die Videoästhetik der Digitaltechnik durch. Da blutet einem das Herz.

THE DROP
Camerimage 2014 – #2

Schöner, schnörkelloser Film, der viel stiller daherkommt, als der Trailer vermuten lässt. Einige Schwächen im Schnitt, vor allem in der Exposition, danach brennt aber nichts mehr an. Wie auch, bei so einer hochkarätigen Besetzung? Vor allem Gandolfini und Schoenaerts glänzen, Rapace hat leider viel zu wenig zu spielen, und macht das Allerbeste draus, bei Hardy bin ich mir noch unsicher, und das ist vielleicht auch gut so, und das vielleicht Beste, was man zu seiner Performance sagen kann. Idealer Film um den ersten Festivaltag ausklingen zu lassen.

WHIPLASH
Camerimage 2014 – #3

Tok – – – Tok – – Tok — Tok – Tok – und schon hat euch der Film gepackt. Was dann folgt ist eine perfekt auf den Punkt inszenierte Achterbahn der Gefühle, man fühlt sich ein paar Mal auf vertrautem dramaturgischem Boden, der einem dann doch unter den Füßen weggezogen wird, und es haut einen auf die Schnauze. Der Film sitzt präzise auf seinem dynamischen Rhythmus, und der Schnitt von Tom Cross lässt einen so sprachlos zurück wie die Kamera, die Regie, die begeisternde Leistung von Miles Teller in der Hauptrolle, und das perfideste Miststück von Antagonist, dass ich vielleicht jemals auf der Leinwand gesehen habe – die von J.K. Simmons verströmte “Autorität” brach hier noch im Kinopublikum manchem Zuschauern das Rückgrat, die plötzlich begannen seine Oneliner witzig zu finden, und dazu übergingen, das Leid der Schüler zu übersehen – erschreckend. Ein ganz großer Film, ein Lehrstück darüber, warum Männer so scheiße sind, wie wir eben sind – nur mein Herz gewinnt dieser Film so nicht. Aber er wirft die verdammt richtigen Fragen auf, für den, der sie hören möchte, und macht alles so richtig, dass es einem Tränen in die Augen treibt. Brillanter Film. Tok!

TRASH
Camerimage 2014 – #4

Den Anfang konnte man noch als gelungen betrachten, wenn man ganz schnell verdrängt, dass man da eben das C&A Logo gesehen hat (und später ein Müllkind neu eingekleidet wird um ins Gefängnis!!! zu kommen), aber dann entgleist der Film mehr und mehr, Verfolgungsjagd folgt auf noch mehr Flucht vor und Suche nach etwas, was arg ermüdet, wenn man sich verzweifelt die Ohren zuhält, während das nächste Südamerikanische Hip-Hop-Pop-Weltmusik-Mischmasch jede verdammte Szene zukleistert, als würden die großartigen Kinderlaiendarsteller den Film nicht alleine tragen. So werden sie ästhetisiert und alles verkommt zu genau der Favela-Romantik, der man zu entkommen glaubte. Ganz bitterer Mischmasch der seiner Sache wahrscheinlich mehr schadet als nutzt, zu simpel ist das gemalte politische Bild einschließlich seiner youtube-gerechten Lösung.

PS: Wirkt leider desöfteren wie ein brasilianisches Pendant zu SLUMDOG MILLIONAIRE, nur weniger gelungen.

THE SMALL BACK ROOM
Camerimage 2014 – #5

Eine 35mm Kopie markiert für mich den Beginn meiner Powell/Pressburger Retrospektive, die fast kopflos begonnen hätte, weil der Film ohne die richtige Optik vorgeführt worden sollte, da das Mulitplex nur über eine einzige 1:1,33 Linse verfügt, was dazu geführt hätte, dass das Bild oben abgeschnitten worden wäre. Nur dem Protest von Thelma Schoonmaker und Ian Christie hatten wir es zu verdanken, den Film dann doch im richtigen Seitenverhältnis gesehen zu haben. Was für eine Wohltat! Und dieses kontrastreiche s/w, als alle anderen Farbe drehten, ist wunderbar, und der Film selbst überzeugt heute noch mit seinen geschliffenen, mehrschichtigen Dialogen, deren Humor so sehr die Handschrift vom Gespann Powell/Pressburger trägt, und stellenweise Screwball-Comedy-Tempo und Schlagfertigkeit erreicht. Spannend ist der Film auch noch, und für heutige Augen möglicherweise unfreiwillig komisch in einer, hm, Lebowski-artigen-Alptraumsequenz, die man mit eigenen Augen gesehen haben muss.

LIFE AND DEATH OF COLONEL BLIMP
Camerimage 2014 – #6

DCP – schade. Das lachende Auge erfreut sich an der restaurierten Fassung, den großartigen Farben, und das weinende Auge nimmt wahr, wie viel besser die Matte-Paintings und die Maske bei einer Filmprojektion (Filmstand, Unschärfe, Filmkorn, etc.) ihrer Aufgabe nachgekommen wären, die Illusion aufrecht zu halten. Der Film ist eine Entdeckung, von der Frau Schoonmaker schon vor Jahren in Lodz erzählte, und Ausschnitte der Duellszene zeigte. Jetzt habe ich endlich den Rest des Filmes gesehen, der von der Freundschaft eines Engländers mit einem Deutschen erzählt, über 40 Jahre hinweg. Gedreht 1942/43, während deutsche Bomben auf London fielen, und mit einer Erzählhaltung, die weit über das Kriegsgeschehen selbst hinausreicht. Das hat eine Größe, die sprachlos macht, angesichts der Leichtigkeit und des feinen Humors, mit dem dieser weitsichtige Film erzählt wird. Eine Entdeckung, die noch während seiner Produktion politisch verhindert werden sollte, Churchill selbst soll seinen Informationsminister gefragt haben, was man dagegen tun könne, der daraufhin antwortete, “Nichts, das ist nun einmal so in einer Demokratie.” Und eine Demokratie, ist bis heute nur so viel Wert, wie die Kultur, die sie erlaubt. Ein ganz großartiger Film, very much.

THE EDGE OF THE WORLD
Camerimage 2014 – #7

Ein Film, der zu jener Zeit fast komplett “on location” gedreht wurde, auf einer Insel nördlich von Schottland, hat Seltenheitswert, und belohnt einen mit Bildern von Männern und Frauen auf den Felsen, Kliffs und Steilhängen dieser Insel. Die Inselbewohner selbst mischen sich unter die Darsteller, und immer mal wieder sieht man die wettererprobten Gesichter dieser Menschen in Großaufnahmen. Die sehr klassische Parabel ist wunderbar erzählt, und machte mir großen Spaß. Für die Jüngeren dürfte ein Film wie dieser heute wie ein Griff in den Giftschrank sein, so anders waren die Sehgewohnheiten einmal. Wer alte Perlen liebt, der dürfte hier fündig werden.

OMAR
Camerimage 2014 – #8

So pathetisch, so vorhersehbar, so tolle, dynamische Kamera, die leider nichts Neues erzählt, obwohl sie es könnte. Was es doppelt so bitter macht, denn der Anfang über die drei Freunde, aus arabischer Sicht erzählt, versprach so viel mehr. Und dann gab es nur den üblichen Mischmasch, aus Verrat, Liebe (oder was man dafür hält), Tradition, Freundschaft, Aktivismus, die an dem Konflikt zerbrechen.

ONE OF OUR AIRCRAFT IS MISSING
Camerimage 2014 – #9

Der Film ist ein Propagandawerk, dessen Erfolg nicht nur den Weg für LIFE AND DEATH OF COLONEL BLIMP ebnete, sondern überhaupt wesentlich zu dessen Inspiration beitrug. Es kam darin die Zeile vor, “Wenn sie mich damals schon gekannt hätten …”, allerdings fiel diese dem Schnitt zum Opfer – der von David Lean stammt! Es gibt ein bisschen weniger Humor als sonst, dafür wird dann ein Modell-Stuttgart bombardiert (eine Stadt, die Emeric P. nicht leiden konnte, aber dort eine Zeit leben musste), und man sieht den kleinen George L. mitfliegen, wie er sich nicht mindestens eine Zeile für THE EMPIRE STRIKES BACK abschreibt. An Charlys Tante schrammt man später nur haarscharf vorbei, und insgesamt kann man um dieses Werk doch getrost einen Bogen machen.

LEVIATHAN
Camerimage 2014 – #10

Die einführenden Minuten machen bereits deutlich, warum niemand, der mit Film umzugehen weiß, 3D Technik braucht, um eine Eindruck von Räumlichkeit zu vermitteln. Eine Parabel für alle Russlandnichtversteher, die hier mal bewundern könnten, was man dort trotz Kultusministerium für kritische Filme produzieren kann, die auch noch unterhalten. Derlei würde ich zu gerne mal aus und über Deutschland sehen – viel Vergnügen bei den Diskussionen mit unseren Gremien voller vorauseilendem Gehorsam. Als besonders angenehm Empfand ich, dass die sonst so oft ausgestellte Brutalität hier konsequent off-screen inszeniert wird, und dass auch noch sehr clever. Dafür wurde mit der Wodka-und-Kippen-Romatik für meinen Geschmack etwas übertrieben, aber vielleicht vertrage ich nur nicht mehr so viel, oder das ist wirklich das Letzte, woran der “normale Russe” heute noch Halt finden kann, in einem korrupten Staat, der einem sonst alles nimmt. Nein, bei uns ist es nicht so übel wie dort, nur eben anders Scheiße, und darüber macht hier keiner Filme. Also welche Zensur funktioniert dann jetzt wo besser?

NUDE AREA
Camerimage 2014 – #11

Dieser Beitrag aus dem Polnischen Wettbewerb dürfte meine Gurke des Festivals werden. Ein Film der gänzlich auf Dialoge verzichtet, und eine Liebesgeschichte zwischen einer Weißen, und einer gleichaltrigen Muslimin erzählt. Bedeutungsschwangere Blicke, fast durchgängig auf Poesiealbumsniveau. Ganz wortlos war der Film dann doch nicht, behilft er sich doch diverser Zwischentitel, die vorauseilend erklären, was man gleich sehen soll. Und die Bilder schreien dann: Interesse! Schüchtern! Enttäuschung! Erniedrigung! Rache! Kennenlernen! Imitation! Grauenhaft. Schade um die sich redlich abmühenden Laiendarstellerinnen und den tollen Kameramann.

A MATTER OF LIFE AND DEATH
Camerimage 2014 – #12

Umwerfender Film der großen Spaß macht. Ein Liebesfilm, der sich mehr für das Konzept von Liebe und Opferbereitschaft interessiert als BREAKING THE WAVES, und Lars von Trier so altbacken aussehen lässt, wie er ist. Gespickt mit feinem Humor, voller britischer Spitzen gegenüber den Amerikanern, mit denen der Film doch versöhnen sollte. Wie er das macht, ist schlicht großartig, nein genial. Eben durch und durch Powell und Pressburger. Die Archers machen süchtig, und ich freue mich auf noch zwei weitere mir unbekannte Perlen, die ich hier mitnehmen werde.

ADIEU AU LANGAGE
Camerimage 2014 – #13

Was für ein Spaß. Ein intelektueller Hirnschiß voller großartiger Bonmots. Wirkt wie ein Alptraum von Alexander Kluge auf Speed, und so demonstrativ egal ihm das 3D einerseits ist, so großartig ist stellenweise sein kreativer Umgang damit, z.B. wenn er jemanden rechts aus dem Bild gehen lässt, und er dieser Person ein Auge “folgen” lässt. Das verursacht Kopfschmerzen, es sei denn man findet heraus, dass man ein Auge zumachen muss. Oder abwechseln, dann schneidet man selbst hin und her. Das war auch die großartigste visuelle Idee im ganzen Werk. Den Rest hätte man getrost in der Folgeveranstaltung zeigen können (“Common Mistakes in 3D Cinematography”). Natürlich kann man Godard kein Unvermögen vorwerfen, sehr wohl aber aktives Desinteresse. Das geht in Ordnung, schließlich entschädigt er einen mit, nun ja, Denkanstößen? “Ich bin hier um NEIN zu sagen und um zu sterben.” So klingt das zum Beispiel. Oder so: “Nimmt die Gesellschaft auch Mord in Kauf um die Arbeitslosenzahlen zu senken?” – das ist verspielt, und auf Dauer anstrengend. Nur insgesamt ist es mir zu kulturpessimistisch, da war mir jemand wie Chris Marker mit seinem essayistischen Stil, der das Menschliche stets umarmt hat, deutlich lieber. Und Kluge auch.

PS: Ausgerechnet Hunde als Vorbild, weil sie den anderen mehr lieben, als sich selbst? Ein Tier, das so hierarchisch-männlich geprägt ist, wie es schlimmer nicht mehr geht? Na dann, gute Nacht.

DIPLOMATIE
Camerimage 2014 – #14

Schlöndorff kommt nicht los von seinen Nazi-Themen. Wenn dann aber ein schönes Kammerspiel wie dieses dabei herauskommt, soll es mir Recht sein. Wunderbare Darsteller, allen voran Niels Arestrup (als Deutscher) und André Dussollier (als Schwede), die beide Französisch miteinander sprechen – wundervoll diplomatische Schummel-Lösung :) Sogar Robert Stadlober gefällt in einer Nebenrolle. Wenn er nicht gerade rennt. Das … ging gar nicht.

THE INVISIBLE WOMAN
Camerimage 2014 – #15

Die Skepsis, mit der ich in diesen Film ging verflog schnell. Ralph Fiennes macht hinter der Kamera eine gute Figur, und rückt davor eine blendend aufspielende Felicity Jones in den Vordergrund, wo sie hingehört. Die Ehefrau und Mutter kommt dabei in der Darstellung nicht so gut weg, damit Charles Dickens nicht nur auf der ersten Silbe seines Nachnamens hängen bleibt, außerdem macht dass die starke Figur der Nelly wieder wett, und auch Kristin Scott Thomas ist wie üblich eine Wucht vor der Kamera. Die perfekte Einstimmung für den für mich in meinem Programm folgenden Doiminik Graf Film GELIEBTE SCHWESTERN, der zum direkten Vergleich einlädt.

GELIEBTE SCHWESTERN
Camerimage 2014 – #16

Au Backe. Das war der vierte Dominik Graf Film für mich dieses Jahr, und sein Dokumentarfilm war für mich davon das Sehenswerteste. Sieht so aus, als hätte ihn das Fernsehen kaputt gemacht, anders kann ich mir diesen Murks nicht erklären. Warum verzichtet er nicht wenigstens in einem Kinofilm auf Reißschwenks, Kamerazooms, erklärende Rückblenden von Dingen die wir schon gesehen haben, oder wenigstens auf das von ihm selbst eingesprochene Voiceover und die dämlich durchs Bild fliegenden Jahreszahlen und Städtenamen? Dann könnte man ihm vielleicht die Großaufnahmenlastigkeit, den gehetzten Schnitt, die Überblendungen und penetrante Musiksoße verzeihen. Doch egal wie ich mich im Kinosessel drehte und wendete, es war und blieb ein Fernsehfilm mit Überlänge, in dem die Figuren alles aussprechen, und nichts gezeigt wird. Die behauptete große Innigkeit der beiden Schwestern wird bald nur noch mit Gekichere untermauert, und was der Dichter an ihnen finden bleibt mir ein Rätsel – und umgekehrt. Schauspielerisch gibt es im Graf’schen Kosmos nur noch Overacting mit Geschrei, auf den Tisch hauen, theatralem Gehabe, Gekicher und dem Bruch der vierten Wand in Überblendungsorgien. Wie man so einen Film um Dichter, Geheimhaltung und Liebe richtig inszeniert, macht Ralph Fiennes in THE INVISIBLE WOMAN mustergültig vor. Dagegen sehen die GELIEBTEN SCHWESTERN leider so richtig, richtig schlecht aus. Nach der ersten halben Stunde kämpfte ich gegen den Sturm und Drang an, dass Kino zu verlassen, wie es einige der internationalen Gäste vormachten, nur wollte ich es bis zum Abspann nicht wahr haben, dass Graf das ganze Service, einschließlich aller Tassen im Schrank, zerdeppert hat. Man möge ihm bitte ein Neues kaufen.

PS: Das Gequatsche wird auch nicht dadurch besser, wenn man es auf Französisch machen lässt, aber das ganze Schauspiel so 21. Jahrhundert, das man kotzen möchte. Wie man so was richtig macht, hat Edgar Reitz mit der anderen Heimat vorgemacht.

MR TURNER
Camerimage 2014 – #17

Dick Pope auf dem Weg zu seinem bereits vierten (oder sogar fünften?) Frosch auf diesem Festival. Schon die erste Einstellung zeigt ihn als ebenbürtigen Lichtkünstler, der nur auf der anderen Seite eines fließenden Gewässers steht, deren anderes Ufer die Malerei des Herrn Turner darstellt. Mike Leigh inszeniert ihn als widersprüchlichen, einsamen Menschen, der erst spät die Liebe findet, die bis dahin äußerlich nur seinem Vater gegolten hat – nicht seinen Töchtern oder der Haushälterin, die alle keinen Weg in sein Herz finden, schwer unter ihm leiden, gar totgeschwiegen werden. Angedeutet wird zwar die Geisteskrankheit der Mutter, aber glücklicherweise eben nichts “auserzählt” – sind ja nicht beim Fernsehen hier. Nein, mögen muss man den Mann nicht, beobachten kann man ihn, und Timothy Spall dabei zuzusehen wie er sich durch den Film grummelt ist eine Freude. Gut und gerne hätte ich über dem Abspann ein Duett von ihm mit Tom Waits gehört, so unpassend das auch gewesen wäre. O, und in dem Film ist ein perfekter Schnitt versteckt, der einem gewissen Knochen in 2001 sowie einem Streichholz in LAWRENCE OF ARABIA zur Ehre gebührt. Wenn ich den erklären muss, dann habt ihr ihn nicht gesehen. Also, husch, husch – noch Mal ins Kino!

EDEN
Camerimage 2014 – #18

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131 Minuten Angst, der Film könnte einen epileptischen Anfall auslösen. Das riecht übrigens nach gerösteten Zwiebeln, wie ich aus einem anderen Film hier gelernt habe.

TALES OF HOFFMANN
Camerimage 2014 – #19

Die restaurierte, und um den verloren geglaubten Epilog erweiterte Fassung, die nächstes Jahr auf Blu-ray erscheint – eine Augenweide. Warum es keine 10 Punkte sind? Weil ich rein gar nichts mit Opern anfangen kann. Wenn sie so opulent visualisiert werden wie hier, kann man sich dem Charme trotzdem nur schwer entziehen, und auch ohne den Gesang zu verstehen (ich geb zu, ich konnte zwischendurch auf die polnischen Untertitel schielen) kann man dem Gezeigten folgen. Jeder der drei Akte für sich dürfte schon für einige Filme Pate gestanden haben, und zusammen ergeben sie einen beeindruckenden Überblick, was bei der männlichen, vor allem im Blick liegenden Liebe, daneben geht. Ansprüche, an denen alle Frauen scheitern müssen, wie auch die vierte (bzw. fünfte) im Bunde, die ewig übersehene Begleiterin über all die Jahre. Beeindruckendes Werk, das in nur 17 Drehtagen entstand, und auch ohne Opernführer auf den Knien angesehen, und vor allem genossen werden kann.

THE CUT
Camerimage 2014 – #20

Mit diesem Film betritt Fatih Akin Neuland, völlig frei von Ängsten, wie er auf der Pressekonferenz zugab. Und inzwischen ist er der Meinung, dass es ein besserer Film geworden wäre, wenn er ihn an seinen innere Dämonen gespiegelt hätte, und ihn Ängste während der Dreharbeiten geplagt hätten. Genau diese Eigenschaft, sich unbekannten Abgründen zu stellen, um sie filmisch zu überwinden, war (und ist) das Markenzeichen dieses wilden Ausnahmeregisseurs. Und doch transportiert dieser Film mehr, als man auf den ersten Blick annimmt. Niemand bestreitet, dass es sich um eine einfache Geschichte handelt – in bester Billy Wilder’schen Tradition haben wir es mit einer einfachen Geschichte (Vater sucht seine verloren geglaubten Töchter) vor einem komplizierten Hintergrund (Völkermord an den Armeniern während des ersten Weltkriegs) zu tun. Aber schon allein die Weltkarte am Anfang des Films muss einem heute einen Kloß im Hals verursachen, ist doch gerade das heute im Fokus stehende Kobane nur einen Steinwurf weit von Mardin entfernt. Geschichte wiederholt sich, und dann ist dieser Film der Richtige zur rechten Zeit, kann gar nichts mehr verkehrt machen. Verdammte 100 Jahre später haben wir einen Scheißdreck dazu gelernt. Geht’s noch?

Es geht nicht um das Politische, sondern den privaten, persönlichen Horror, von Gefangenschaft, Wut, Unwissen, Suche. Wie man sich an Nebensächlichkeiten wie den gesprochenen Sprachen im Film aufhängen kann, ist mir ein Rätsel. Verdammt, es ist ein Film! Natürlich beruht er auf recherchierten Fakten, aber es ist ein Film, eine dramaturgische Überhöhung und gleichzeitig Verdichtung der Ereignisse, durch die Augen eines Mannes, dem alles genommen wird, der sich an das einzige klammert, was ihm bleibt. Gerne hätte ich schon früher dem Verfall des Halstuchs (bzw. Anstrengungen zu dessen Erhalts) beigewohnt, das symbolisch für den Rest Familie steht, die dem Schmied geblieben ist.

Am stärksten ist der Film da, wo in einer beispiellosen Gleichgültigkeit die Glaubensunterschiede verdampfen. Ob Christ oder Moslem, zum Ende hin tut jeder Mensch Gutes oder Böses in den Augen anderer, oder eben der Zuschauer. Alle Masken fallen, und spätestens wenn Tahar Rahim Steine gen Himmel schmeißt und versucht sich die Kreuz-Tätowierung vom Unterarm zu reiben, dann haben wir genau die Akin/Klausmann-Bilder, die wir so lange vermisst haben. Nazaret ist dabei kein Heiliger, die Umstände lassen ihn zunehmend verrohen, die Hoffnung auf eine Familienzusammenführung ist alles was ihm geblieben ist. Und so glatt wie manche Kritiker es geschildert haben, läuft es absolut nicht. Sicher helfen ihm manche, aber eben noch lange nicht alle Menschen auf seiner mehr als aussichtslosen Suche.

Fatih Akin hat seine Lektion aus diesem Film bereits gelernt, und es gibt wenige Regisseure, die so lernwillig sind wie er, und im Nachhinein begreifen, was sie hätten besser machen können. Wir werden es ihm in seinem nächsten Film danken, den es in seiner Form ohne diesen hier nicht geben wird. Dieser Film macht uns keine Angst, weil die Liebe zu den eigenen Kindern keinen Platz dafür lässt. Der Kompromisslosigkeit mit der Nazaret seinen Töchtern folgt, mit der er sich auch plumper Rache an den Übeltätern verweigert, gibt Akin mit diesem Film eine Stimme, die am Ende doch jeder für sich selber finden muss.

Über Jens Prausnitz

Filmemacher, Vater, Ehemann.
In Deutschland geboren, in Polen wohnhaft, in Europa zuhause.

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