Archiv der Kategorie: Medien

Zehn Minuten Widerstand

Wie 2018 ein Film zum Thema „Widerstand“ an der Willy Brandt Schule in Warschau entstand und in Leipzig uraufgeführt wurde. Anschauen könnt ihr ihn natürlich auch.

Vielleicht erinnert sich jemand an meine Filmgruppe, über die ich vor 18 Monaten schon einmal einen Artikel geschrieben habe? Letztes (und ebenso vorletztes) Jahr hatte ich einmal mehr die Gelegenheit, sie bei einem Projekt begleiten zu dürfen, wenn auch in leicht veränderter Zusammensetzung – worauf ich noch zu sprechen kommen werde.

Ausgangspunkt war ein internationales Schulprojekt der Goerdeler Stiftung zum Thema Widerstand, an der einige deutsche Auslandsschulen teilnahmen, inhaltlich jeweils auf ihr Gastland bezogen. Film war dabei eine (mögliche) Form sich damit zu beschäftigen, und gleichzeitig Beleg der (hoffentlich) gelungenen Auseinandersetzung. Mein eigener Widerstand bestand allerdings gleich zu Anfang in der vor meiner Teilnahme breit diskutierten, reportagehaften Form, mit allem, was einem Filmfan die Augenlider schützend senken lässt: von eingeblendeten Land- und Stadtkarten, Statuen, Denkmälern, historische Plätzen, Voiceover und sehr sehr viel trockener Informationsvergabe war die Rede. Das war sicher pädagogisch wertvoll konzipiert, aber mit Filmsprache, Motivation, Identifikation, Humor oder gar Spannung hatte das rein gar nichts am Hut. Ich sah das jugendliche Publikum bei der Vorführung schon während des Vorspanns wegdösen. Mein Fokus lag darauf, es etwas länger wach zu halten, und daher plädierte ich für einen narrartiven Ansatz, der auf einem persönlichen Zugang der jungen Erwachsenen (zwischen 16 und 18 Jahren) zur polnischen Geschichte basiert: was hat diese mit ihnen zu tun, jetzt, hier und heute? Davon ausgehend lief es dann beinahe wie von selbst.

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Filmunterricht an Schulen, aber wie?

Robin Williams im CLUB DER TOTEN DICHTER

Wie Filmunterricht an der Schule im 21. Jahrhundert aussehen könnte, habe ich ein Jahr lang im Selbstversuch an der Willy Brandt Schule in Warschau in der AG Filmakademie (kurz AGFA) ausprobiert. Als Lehrer.

Filme gab es zu meiner Schulzeit (in den 80er Jahren) kaum im Unterricht, höchstens alle Schaltjahre mal einen meist pädagogisch wertvollen Kinobesuch (z.B. AUF WIEDERSEHEN, KINDER), der dann im Deutschunterricht inhaltlich besprochen wurde. Eine Ausnahme von dieser Regel bildete dann nur im Abitur unser Englischlehrer, der sich über jede VHS-Kassette im O-Ton freute, die wir auftreiben konnten – bedeutete das doch für ihn zwei Schulstunden, die er nicht selber halten musste. Die Filmsprache selbst spielte nie eine Rolle. Über Fernsehsendungen und Serien sprach man während der Stunde nur, um vom Unterricht ablenken zu können, in der meist fälschlichen Hoffnung weniger Hausaufgaben aufzubekommen.

35 Jahre später sind wir kaum weiter, obwohl heute jeder Schüler über 12 eine Kamera in seiner Hosentasche trägt, im Telefon versteckt. Deren Qualität übertrifft bereits alles, was uns damals – wenn überhaupt – zur Verfügung stand. Nur der Unterricht hat wie so oft nicht mit dieser Entwicklung Schritt gehalten. Zwar mag es an einigen Schulen engagierte Lehrer geben, die Kurse im Filmemachen anbieten, meistens handelt es sich dabei jedoch um an Fernsehkonventionen orientierte Interview- und Reportageformate, die meist nur Schulveranstaltungen dokumentieren, oder gelegentlich das Niveau von Amateurfilmen erreichen, wenn man sich mal an erzählerische Formate wagt. Immerhin entsteht so ein erstes Bewusstsein dafür, dass das mit dem Filmemachen nicht so einfach ist.
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Sprung vom fahrenden Zug

Friedrich List und die erste grosse Eisenbahn

Wir verlernen zu Schauen. Wir halten permanent Ausschau, nach der nächsten Qualitätsserie, der nächsten Phase einer Franchise, der nächsten Fortsetzung. Daran selbst ist wenig auszusetzen. An der damit einhergehenden Ruhelosigkeit, der Angst etwas zu verpassen hingegen schon. Sie lähmt uns, hemmt unseren Genuss. Die Gleichzeitigkeit der Berichterstattung und Reaktionsvideos zur Ausstrahlung erzeugt einen Druck, der uns blind und taub macht, die Authentizität der unmittelbaren Reaktion unserer Reviews tauschen wir ein gegen tiefergehende Erkenntnisse, die erst in uns heranreifen und durch mehrmaliges Sehen bestätigt werden müssen. Für eingehendere spätere Analysen gibt es keinen Markt mehr, längst hecheln wir dem nächsten Trend hinterher, der gerade eben angelaufen ist. Übersättigung ist das, nein, schlimmer noch: Völlerei, seriell-industrielle Völlerei, weil alles probiert werden muss, selbst wenn man längst keinen Hunger mehr hat. Immer neue Gerichte werden uns aufgetischt, zum wiederholten Kochen eines Ausnahmegerichts bleibt kaum mehr Zeit, oder zum aaufwärmen von Speisen, die erst noch ziehen müssen, ehe sie ihren vollen Geschmack entfalten. Mit Serien und Filmen ist es genauso. Gut, als Kritiker oder Medienjournalist kommt man vielleicht nicht umhin sich professionell damit auseinanderzusetzen und wir teilen uns die Arbeit auch auf, trotzdem kann ich meine Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation nicht länger verbergen, ich bin zu alt für diesen Scheiß. Sprung vom fahrenden Zug weiterlesen

Autoren rennen Autorennen

Was wäre, wenn man mit Drehbuchautoren, Filmleuten oder interessanten Menschen während eines Spaziergangs Gespräche führen würde? Das wäre bestimmt ein toller Podcast, wenn man mal ein Diktiergerät mitlaufen lassen würde. Gesagt getan, hier ist die erste Folge vom Autoren’nen-Podcast, zu Gast war Stefan Stuckmann, der Showrunner von EICHWALD, MdB:

Autoren’nen – 001 – Stefan Stuckmann by Jensprausnitz on Mixcloud

Dazu habe ich eine eigene Seite eingerichtet, und gibt’s auch via iTunes oder fortsetzung.tv – dort gibt es auch weitere Podcasts rund um Serien, an denen ich beteiligt bin. Hört mal rein :)

Camerimage 2014

Eine Liebeserklärung an das Filmfestival für Kameramänner und Kamerafrauen, sowie alle die es werden wollen schlechthin: Camerimage in Bydgoszcz, Polen. Es ist die 22. Ausgabe, mein zehntes Mal, und Zeit für eine Bilanz, um meiner schleichenden Entfremdung auf den Grund zu gehen.

CI2014stuff
Festivalkrimskrams

Dieses Festival ist etwas besonderes. Kein anderes hat eine derart familiäre Atmosphäre, was vielleicht auch daran liegt, das seit jeher Filmstudenten, die sich üblicherweise kein Hotelzimmer leisten können, bei Gastfamilien unterkommen, um dort mit der polnischen Gastfreundschaft konfrontiert zu werden, deren Herzlichkeit eben so rührend, wie reichhaltig an Kalorien ist. So erlebte ich selbst vor mittlerweile 15 Jahren mein erstes Camerimage, damals noch in Toruń, wie auch ein weiteres Mal in Łódź, danach nur noch in Hotels, in denen es fast immer Schwierigkeiten mit der Internetverbindung gab – was sich leider auch aktuell in Bydgoszcz fortsetzt. Seitdem schlafe ich dort zwar immer noch nicht viel mehr, aber verbringe deutlich mehr Zeit im Kino als auf den legendären Partys, die auch schon mal mit gefühlt 50 Studenten auf dem Hotelzimmer von Chris Doyle enden können. Dessen Schnapsnase begegnet man dort alle paar Jahre, und irgendwann hat man sich an seine Punk-Attitüde gewöhnt, und macht einen Bogen um ihn. Am anderen Ende des Spektrums begegnet man vollendeten Gentlemen wie Billy Williams, und seit ein paar Jahren auch Schnitt-Legenden wie Thelma Schoonmaker oder Pietro Scalia.

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