Offener Abschiedsbrief an die epd-Film Redaktion…

… und ein Aufruf an alle Film- und Fernsehkritiker.

Über 20 Jahre lang war ich treuer Abonnent der Filmfachzeitschrift epd-Film, die immer noch die in meinen Augen beste deutschsprachige, monatliche Filmzeitung ist. Sie hat mich durch mein Studium begleitet, wurde von mir in allen wissenschaftlichen Arbeiten, bis hin zu meiner Diplomarbeit korrekt zitiert (ist nicht so schwer, wie uns ein Herr von und zu G. glauben machen wollte – auch Ghostwriter sind anscheinend nicht mehr das, was sie einmal waren…). Warum ich mich nun aber unwiderruflich von einer meiner Lieblingslektüren trenne, möchte ich im Folgenden vertiefen.

Bemerkt habe ich die schleichende Veränderung daran, dass ich das Heft seit etwas über einem Jahr nicht mehr von vorne bis hinten durchgelesen habe, sondern immer häufiger Artikel übersprungen habe, und das nicht immer mit Zeitmangel allein zu begründen war.

Nicht mehr ignorieren kann ich meine Enttäuschung seit der Häufung an redundanten, langweiligen Artikeln zu banalen Fernsehserien, und gipfelt schließlich in der diesjährigen Besprechung von Terrence Malick’s TREE OF LIFE im Cannes-Blog, was ich schon dort giftig kommentiert habe. Inzwischen habe ich den Film glücklicherweise gesehen, und muss mich doch sehr wundern, wie sehr meine Lieblingszeitschrift versagt hat.

TREE OF LIFE – trailer

Der Film ist fantastisch, und möglicherweise die beste Montage der Filmgeschichte, was von nahezu allen Kritiken und Kritikern konsequent übersehen wurde. Ich kann es niemandem verübeln, schließlich macht Malick etwas unerhörtes, er hält sich an keine Konventionen. Continuity-Schnitt gibt es nicht in dem Film. Meine Vermutung mit den “perzeptiven Strukturen” war goldrichtig, und nein, es geht in erster Linie eben NICHT um die ganz großen Fragen, sondern darum, was und wie wir Dinge lernen, und wie „falsch“ Erinnerungen konstruiert werden.

Spoiler AN

Zunächst einmal hat der Film 4 Teile – im Prolog gibt es den Auslöser der Sinnfrage, als die Nachricht des Todes des mittleren Bruders eintrifft, dann die Geburt des Universums, die Menschen, und eine mögliche Auflösung – also Anfang, Mitte, Schluß. Sauber getrennt durch die Lichtnebeleinstellung vor schwarzem Hintergrund. Die Entstehung des Universums empfinden viele schon als störend, schwärmen aber gleichzeitig von Lars von Trier’s MELANCHOLIA, der nahezu mit der identischen Ästhetik spielt. Geht’s noch? Klassische Musik, lange Einstellungen, kosmische Bilder… aber zurück zu den Dinosauriern. Ich hatte der Beschreibungen in Kritiken wegen erwartet, dass dieser Teil überproportional lang sein muss. Weit gefehlt: ich hätte noch länger einfach nur zugucken können.

Was dann kommt, ist unerreicht. Großartige Bilder, ohne(!) künstliches Licht gedreht, spontan, mit einer Leichtigkeit, die das Gewackel bei von Trier nie erreichen wird, weil bei ihm der Kameramann damit leben lernen muss, dass „unvorteilhafte“ Einstellungen im fertigen Film landen (so jedenfalls Manuel Alberto Claro in der Pressekonferenz auf dem diesjährigen Camerimage-Festival, wo er sich als sympathischer Dauergrinser zeigte). Ganz anders Emmanuel Lubezki, dem Terrence Malick ein Vetorecht für jede verwendete Einstellung einräumte. Das sorgt doch mal für eine entspannte Atmosphäre am Set – wo man mit dem Fahrrad hinkommen konnte, wie Jack Fisk auf dem gleichen Festival schwärmend berichtete. Das erhöht natürlich den Druck gewaltig auf die Montage, denn alles, was „gewollt“ oder geplant aussieht, fiel dem Schnitt zum Opfer. Was damit allerdings erzählt wird, hat mich von den Füßen gehauen. Denn die Montage orientiert sich nicht wahllos an der Kindheit, sondern daran, was bzw. wann wir lernen. Wir sind in all jenen Momenten dabei, in dem es im Hirn des ältesten Sohnes „Klick“ macht, und er ein anderer wurde. Dabei spielt es dann keine Rolle, ob es sich um „echte“ Erinnerungen, oder nur Phantasiebilder eines Kindes handelt. Banal ist es noch beim Gehen und Lesen lernen, schwieriger wird es dann bei Eifersucht auf die jüngeren Geschwister, oder komplexeren Dingen wie Einfühlungsvermögen, Scham, Mitleid, die Erkenntnis das es „Böses“ in der Welt gibt, und wir selber vor der Wahl stehen, was wir tun, etc. Das alles wird in Bildern(!) erzählt, ohne Stimme aus dem Off (ja, die gibt es auch, die „übersetzt“ aber nicht was man sieht, sondern hat ihre eigenen, sparsam eingesetzten Qualitäten, und ist manchmal mit Absicht kaum zu verstehen) – und das Gipfelt in der Schluss-Sequenz, der Liebe, die eben auch immer los-zu-lassen bedeutet. Von wegen Pseudoreligiös – ganz ohne religiöse Symbole, nur Menschen in der Natur, und ein Türrahmen. Wir werden zurück geführt, ans Meer aus dem wir kamen (Einführungssequenz, remember?), und das Alter der Darsteller verwischt am Strand, Kinderselbst neben Erwachsenemselbst, Tote neben den Lebendigen. Das Jenseits? The Afterworld? Dann aber gleichzeitig auch „the Beforeworld“, denn Zeit ist hier aufgehoben. Wie, oder was man dort sehen will, bleibt jedem selbst überlassen. Großartig. „I give you my son“, und die Hände öffnen sich über der Sonne, bis es auch der Letzte kapiert hat. Oder eben auch nicht.

Zu dem Zeitpunkt war der Film schon so in meinem Kopf, dass er „für mich“ gedacht hat, ich habe mich regelrecht entführt gefühlt – kurz: der Film ist ein Meisterwerk, wie ich nur wenige gesehen habe, aber noch nie derart unbeschwert.

Spoiler AUS

Ja, MELANCHOLIA ist auch großartig, aber eben mit dem typisch von Trier’schen Nihilismus, weil die Welt ja „EVIL“ sein muss. Natürlich macht er sich selber als Erster darüber lustig, weil er sich „nicht die Bohne“ dafür interessiert – um es mal blumig zu formulieren, ohne etwas zu verraten.

Nun, wegen einer schlechten Filmkritik habe ich nicht mein Abo gekündigt, und auf den einen oder anderen Film bin ich erst dank epd-Film aufmerksam geworden, der sonst meiner Aufmerksamkeit entgangen wäre. Aber die Artikel zum Thema Fernsehen, schlimmer noch jene zu platten Serien waren an Oberflächlichkeit und Belanglosigkeit kaum zu unterbieten, man wähnte sich bisweilen in der TV-Spielfilm, als gäbe es nur in Amerika interessante Serien. Dementsprechend lag der Fokus auch stets auf Durchschnittskost. Selbst US-Meilensteine wie SIX FEET UNDER, THE WIRE oder TREME sucht man dort vergebens. Schlimmer noch, es wurde versäumt zu beleuchten, was deren Erfolg (oder Misserfolg) ausmacht. Keine Analyse, kein Nachfragen warum es in Deutschland nur zu TATORT, SOKO oder TV-Schnulzen reicht. Nur Georg Seeßlen hatte mal eine brillante Analyse zu den Geschichtsfilmen auf Guido Knopp Niveau in Joseph Vilsmaier-Optik. (Die tägliche Seeßlen Dosis findet man jetzt auf seinem Blog, siehe RSS-Feed unten – und auch meine anderen Lieblingsautoren findet man inzwischen regelmäßiger im Netz, als im Magazin) Kein Portrait über David Simon, oder Vince Gilligan. Dabei ist gerade David Simon einer der Euren, ein Journalist alter Schule. Würde doch nur Georg Seeßlen mal eine Fernsehserie schreiben…

Was die meisten von mir hier angesprochenen Titel miteinander gemeinsam haben, ist das Interesse an einer Realitätsnähe, oder meinetwegen Authentizität, wie man sie sonst vergeblich sucht. Das trifft selbst auf GAME OF THRONES zu, obwohl es sich um eine Fantasy-Serie handelt. Aber mit „echten“ Charakteren, mit all ihren Schwächen, Abgründen und Stärken. Und wenn es dann endlich mal einen Artikel zur rechten Zeit gibt, strotzt er leider wieder derart an Inhaltsleere, dass mir zum Heulen zumute ist. Keine Rede davon, dass HBO die Serie in Europa dreht. Keine Erwähnung von europäischen und auch deutschen Darstellern in der Serie. Nichts. Dabei strotzt das Netz nur so vor Informationen, inzwischen ist es fast üblich, dass man die Tweets seiner Lieblingsserie vom Set während der Produktion verfolgen kann. Das „making of“ rutscht seit dem Blair Witch Projekt und mehr noch bei Peter Jackson (Herr der Ringe / Hobbit) vor den Hauptfilm, und erst später auf die Special Edition DVDs.

Die „sozialen Medien“ würden epd-Film gut zu Gesicht stehen, und damit meine ich nicht ihre facebook-Seite. Auf moviepilot oder bei den fünf-filmfreunden kann ich mehr und schneller erfahren, was sich in der Filmwelt tut, ganz zu schweigen von Seiten im englischsprachigen Raum – und was vielleicht noch wichtiger ist: ich kann mich mit anderen Filmfans austauschen.

Gut, als Printmedium hat man es in dieser Welt schwerer, aber dann erwarte ich Analysen zu den Entwicklungen, und keine Beschreibung des Status-Quo. Zu den digitalen Medien und Möglichkeiten der Filmproduktion gab es nur erbärmliche Artikel, die mehr oder weniger am Thema vorbei gingen. Da spricht vielleicht der Filmhandwerker in mir, aber spätestens seit das Internet sowohl Produktionsplattform als auch Vertriebsweg von Filmen ist, sollte einer Filmzeitschrift das Licht aufgehen, dass nichts mehr so ist, wie es mal war. Crowdfunding steckt bei uns zwar noch in den Kinderschuhen, aber da gleichzeitig die Produktionsmittel immer billiger werden, sind alle Möglichkeiten zu einer Zeitenwende da. Und die Fernseher sind inzwischen mit dem Internet verbunden, so dass ein HD-Film auf vimeo sich bei einem Breitbandanschluß qualitativ kaum vor einer Blu-ray-Präsentation zu verstecken braucht.

Was die Film- und Fernsehkritik versäumt, ist Partei zu ergreifen, und zwar für das Publikum und die Filmemacher. Wir kämpfen in Deutschland gegen das übermächtige Fernsehen an, gegen Redakteure, die Filmfonds… und niemand nennt die Übeltäter beim Namen. So gern ich mich ins Kino zurück ziehe um einen Film zu genießen, oder mehr noch ein Festival besuche, wenn Film als Kunstform überleben soll, muss sie verteidigt werden, oder zwischen belanglosen Talkshows und dämlichen 3D-Schrott jämmerlich ersaufen.

Daher muss ich mich aus meiner „comfort zone“ heraus wagen, das epd-Dezember-Heft aus der Hand legen, und mich meinem Filmblog generation ’89 widmen, der hoffentlich nur der Beginn einer Welle ist, die ihren Impuls von einem bahnbrechenden, jungen Leuten gänzlich unbekanntem deutschen Fernsehprojekt der frühen 80er Jahre bekam, und gleichzeitig jenem Gefühl einen Namen gibt, dass mich auf ewig mit Film verbindet: HEIMAT.

EDIT: Bin eben durch Zufall darüber gestolpert, dass der epd-Film Blog von Cannes offline(?) oder gar gelöscht ist, und der oben verlinkte Blogeintrag über TREE OF LIFE inklusive meines Kommentars nicht mehr zugänglich ist. Als Ausgleich poste ich dann eben im Gegenzug den Screenshot meines damals nie freigeschalteten zweiten Kommentars
(Juni 2012)

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