Eingebung

Es ist schon erstaunlich wie lange sich Unternehmen bereitwillig auf einem Holzweg herum treiben, obwohl sie sich längst hoffnungslos im Wald verlaufen haben. Ob bei Google, Apple, Amazon oder Facebook – alle orientieren sich in erster Linie am „Verkaufen wollen“, wenn sie Empfehlungen aussprechen, nicht daran wie unser Geschmack überhaupt zustande kommt. Mit Ping hat Apple nun endlich den vermutlich überflüssigsten Vertreter dieses Genres eingestellt:


’nen Screenshot von meinem Profil gibt’s beim Klick auf das Bild

Wer glaubt es geht darum seine Freunde zum Kaufen zu animieren, indem man ihnen zeigt was man selbst gekauft oder bewertet hat, kapiert nicht, wie wir funktionieren. Trotzdem hatte ich Ping eine Weile lang ausprobiert. Es war schnell klar – das taugt nichts. Genauso wenig wie die „Genius“-Empfehlungen in iTunes. Die Konkurrenz braucht da gar nicht so zu lachen! Ja, ich seh dich an, Amazon! Da sieht es nämlich kein bisschen besser aus. Jahrelang habe ich meine Einkäufe bewertet, und empfohlen habt ihr mir nur Schrott aus dem Mainstream, den alle kaufen. Eure Algorithmen funktionieren trotz ihres guten Rufes nicht. Aus einem ganz einfachen Grund.

Und da ich jetzt die Schnauze voll hab, erkläre ich euch wie – gratis.

Woher bekommt man seinen Geschmack? Von Gleichaltrigen, wenn man miteinander spricht, sich zum ersten Mal gegenseitig besucht, ins Bücherregal und den Plattenschrank guckt, nicht wahr? – „Genius“ von Apple habe ich lange Zeit erlaubt meine 200 Gigabyte umfassende Musikbibliothek zu durchleuchten, nur damit sie hinterher nicht mal dazu in der Lage war mich auf Neuveröffentlichungen von Künstlern hin zu weisen, von denen ich bereits alle CDs eindigitalisiert habe, und warum? Weil ich keines ihrer Alben im iTunes Store gekauft habe. Begehe ich dann den Fehler das neueste Album bei iTunes zu erwerben, empfiehlt mir das System jetzt natürlich all jene Platten, die ich längst habe! – zurück zum Plattenschrank unseres neuen Freundes. Moment! Wenn da ein zu hoher Prozentsatz an „das geht ja gar nicht!“ drin steht (Bravo Hits 853, Lena, etc.), sucht man doch das Weite, und von Freundschaft kann nicht mehr die Rede sein!

Interessant wird es doch bei denen, die wenig haben, was man selbst nicht leiden kann, vieles, was man schon hat, und… ein paar Sachen, von denen man keine Ahnung hat, wer oder was das ist. Man kommt ins Gespräch, und verrät seine Lieblingsbands, Frage folgt Gegenfrage und man lernt sich langsam dabei kennen. Und wer ist die einzige Person, die das beurteilen kann, wie nahe man sich steht? Richtig, man selbst.

Daher Punkt Nummer 1: Wir müssen unsere Freunde beurteilen können. Nicht jeder ist gleich gut dazu geeignet, uns ein Buch zu empfehlen. Meine Güte, wir kennen Leute, denen würden wir nicht mal ein Buch leihen, gehen aber trotzdem mal ein Bier mit ihnen trinken! Also gebt uns die Chance unsere Kontakte mit 5 Sternen zu bewerten. Circles gehen da schon in die richtige Richtung, Google… Jedenfalls zählen für uns bei Empfehlungen in erster Linie die besten Freunde, unsere fünf Sterne Benkanntschaften, und davon hat niemand mehr als 3, oder er lügt sich selber an. Angenommen jeder hat im Schnitt drei solcher besten Freunde. Auch die besten Freunde unserer besten Freunde haben das Potential mindestens unsere nächsten neuen Freunde zu werden (4 Sterne), unsere Clique, richtig? Daher haben auch deren Regale und Schränke für uns Relevanz. Aber weiter im Text.

Punkt Nummer 2: Was wir nicht ausstehen können muß man irgendwo festhalten können – in einer Blacklist zum Beispiel. Liebes Amazon – warum bewerte ich jahrelang Sachen die ich nicht ausstehen kann, nur damit ihr mir das dann doch lustig weiter vorschlagt? Habt ihr sie noch alle? Ach ich vergaß, ich kauf ja gar nicht mehr bei euch. Ok, noch bei audible. Aber nur, weil ihr das verdammte Monopol auf diverse Hörbücher habt. Ihr seid Schweine, schämt euch! Bezahlt eure Verpacker ordentlich, stellt sie fest an, oder sterbt eines qualvollen Todes – fresst eure verdammten Gewinne, bis ihr daran erstickt seid. So. Wo war ich? Ach ja. Blacklist. An nächster Stelle.

Punkt Nummer 3: Whitelist. Erst nach grober Übereinstimmungen auf der Blacklist kann man entspannt nachsehen, wo man sich überhaupt ähnelt. Sonst kann es immer noch ein Psychopath sein, bei dem man gerade in der Wohnung ist. Aber keine Sorge, dann kommt ihr dort eh nicht mehr lebend raus.

Punkt Nummer 4: Jetzt wird’s richtig spannend. Denn die übrig gebliebenen Titel sind potentiell jene, die NEUES beinhalten, das für uns relevant sein könnte. Wie finden wir das heraus? Der Schlüssel dazu sind die Platten, die der Freundesanwärter gerade verliehen hat, oder die gerade bei der Stereoanlage herum liegen, die man selbst ebenfalls hat, aber weder in seiner Whitelist noch seiner Blacklist aufgenommen hat – schlicht weil dort nicht genug Platz für alles ist, oder wir vergessen haben es dort einzutragen. Den Bezug dieser ersten drei Datensätze zueinander (=Algorithmus) müssen wir selber(!) einstellen können, und zwar dynamisch, so dass wir andere Ergebnisse bekommen, je nachdem was wir gerade größeres Gewicht einräumen wollen. Denn manche von uns wollen gar nichts NEUES, sondern nur den x-ten Klon des immer gleichen. Aber wer sich belügen lassen will, dem sei dies nicht genommen, wenn er so glücklicher ist. Das kann sich ja auch ändern.

Menschen und ihre Beziehungen zueinander verändern sich stets, sind dynamisch. Das kann kein statischer Algorithmus erfassen. Aber wir können dies für uns anpassen, je nach Stimmung. In einem Jahr sind wir eher nostalgisch und hören den Kram als wir 16 waren, einen Monat später haben wir Lust auf Neues. Das können nur wir wissen, beurteilen und einstellen. Wer denn sonst? Jetzt steht in den Netzwerken unsere Kindergartenliebe neben dem besten Freund in der gleichen Kategorie. Der einzigen. Meine „Freunde“, „Kontakte“, bla bla bla. Kinderbuchklassiker haben wir hoch bewertet, weil wir so gute Erinnerungen daran haben – aber wir wollen doch heute keine mehr lesen! Den Kontext zu jedem Buch haben wir abgespeichert, den erfasst keine noch so gute Formel.

Liebe Plattformen, gebt uns endlich die Chance das alles selbst zu bewerten und in die Hand zu nehmen. Ihr erfahrt so noch mehr von uns, als jemals zuvor! Ihr könnt sogar ein erstaunlich zutreffendes Psychogramm von uns erstellen. Ich mag gar nicht daran denken…

Genannt habe ich diese Idee für eine Bewertungsplattform 2.0 vor zwei Jahren INSPIRO – hatte aber nie Zeit diese Idee selbst um zu setzen. Jetzt ist es mir zu blöd und ich schenke sie her. Jaaa, ich weiß. Bescheuert. So bin ich nun mal. Ein Geschäftsmann steckte noch nie in mir. Dafür stets reichlich Ideen. Jedenfalls findet ihr das Originalkonzept oben im Menü unter Freibier oder hier.

Jetzt programmiert das mal. Wer am schnellsten ist, gewinnt. Benutzer.

Über Jens Prausnitz

Filmemacher, Vater, Ehemann. In Deutschland geboren, in Polen wohnhaft, in Europa zuhause.
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