Get Off Laws – Jahresrückblick 2014

Wie für jedes Jahr habe ich auch für 2014 einen subjektiv verschwurbelten Rückblick aus Film-, Serien- und Musikschnipseln erstellt, den ich hier, ebenso wie dessen Entstehungsprozess, etwas näher beleuchten möchte.

Year 2014 – Get Off Laws by Jensprausnitz on Mixcloud

Jedesmal wieder bin ich froh darüber, die Anstrengung der Zusammenstellung eines Mixtapes auf mich genommen zu haben. Ja, ich nenne es immer noch Mixtape, obwohl er nur noch rein digital existiert. Schlimmer noch, dieser ist der erste, der mit meiner “80 Minuten Regel” bricht – jener Grenze, die gewährleistete, dass man sich den Mix auf eine CD brennen konnte. Mixtape deshalb, weil das das Medium ist, mit dem ich in die Welt des Schnitts eingetaucht bin. Ich bin ein bekennender Kassettenjunge. Meine Welt hatte zwei Seiten, 2x 45 Minuten, was nicht nur bei Kassetten, sondern auch bei Spielfilmen eine Richtgröße ist, die vielen ins Hirn gemeißelt ist. Nach den Kassetten kamen eben die CDs, Selbstgebrannte versteht sich, doch inzwischen greife selbst ich immer seltener auf dieses Trägermedium zurück, und da die Hauptverbreitungsquelle inzwischen ein Streamingdienst ist, ergibt das Festhalten an den 80 Minuten kaum mehr einen Sinn.

Ein Absatz, und schon vom Thema abgewichen. Genauso funktionieren meine Jahresrückblicke, die mal als Weihnachtsmixe auf 90er Kassetten anfingen, und aus der Zeit noch die Beschränkung auf 24 Tracks stammt, einem Adventskalender gleich, nur eben zum Anhören. Denn das A und O eines guten Mixes (bzw. Schnitts) sind Regeln, die man sich selbst auferlegt, einhält, in Ausnahmefällen bricht, und irgendwann verwirft. Und das Schönste am Erstellen dieser Rückblicke ist genau diese Beweglichkeit innerhalb selbstgesteckter Grenzen. Sie sorgt gleichermaßen für die nötige Konzentration auf das Wesentliche, wie für die Lebendigkeit des Ergebnisses.

Beim ersten Mix dieser Art im Jahre 2006 konnte ich auf ältere Vorlagen zurückgreifen, und weil ich damals in einer polnischen Werbeagentur arbeitete, verabschiedete ich mich von allen deutschen Samples – kein Loriot, kein Gerhard Polt, nichts dergleichen mehr. Das fiel mir sehr schwer, war aber die erste Regel für meinen Mix-Reboot. Der Mix sollte internationaler sein, also musste er auf Englisch daher kommen. Einen deutschen Track schmuggelte ich aber doch darauf, schließlich war meine Herkunft kein Geheimnis, und damit eine weitere Regel ins Leben gerufen. Das führt irgendwann zu sehr schönen Ergebnissen: Anfangs war es nur ein guter Song, später bereits einer, in dem ein “polnischer Abgang” besungen wird, und ich so die zwei in meiner Brust schlagenden Herzen gleichzeitig ansprechen konnte, schließlich landete nach einem deutschen Einsprengsel das Sample aus PAUL, in dem der Außerirdische Besucher “Was that Klingon? You psychotic nerd!” ruft. Genau so und nicht anders funktionieren meine Mixtapes.

Die nächste ungeschriebene Regel ist ein französischer Chanson. Es kann auch passieren, dass meine Wahl dabei auf einen Lied fällt, das von einer Französin auf Deutsch mit Akzent gesungen wird, was France Gale so unnachahmlich mit “ein bisschen Goethe, ein bisschen Bonaparte” präzise auf den Punkt brachte (vgl. Xmas 2010). Dieses Jahr ist es Charles Aznavour mit “Du Lasst Dich Geh’n”.

Alle paar Jahre ist auch eine polnische Entdeckung dabei, ebenso wie ich mich zeitlich nie allein auf das abgelaufene Jahr beschränke, dennoch besteht etwa die Hälfte der Tracks aus solchen, was leider von Jahr zu Jahr schwerer zu werden scheint. Den Auftakt jedes Mixes sowie diverse Lücken fülle ich mit Filmsoundtracks, was nicht nur zu naheliegenden Samples führt, sondern mindestens ebenso oft zu verblüffenden Gedankensprüngen einlädt.

Weitere frühe (und inzwischen verworfene) Regeln waren je ein Track von den Ramones sowie einer von Elvis, wenn auch konsequent unter seinem wahren Namen “the king” aufgeführt. Nach fünf Jahren kippte ich auch das größte kreative Hindernis, den Weihnachtsbezug. Das war ohnehin naheliegend, nachdem die letzten davon erst im neuen Jahr fertig wurden, oder der Zeitdruck davor mir fast den Spaß an der Sache verdarb.

Beibehalten habe ich für die seitdem entstandenen Jahresrückblicke die 24 Tracks, sowie die Beschränkung auf Filme und Serien, die ich im jeweiligen Jahr gesehen habe. Aufgelockert wurde die Regel dann mit dem Versuch mich thematisch auf ein Thema einzuschießen, wie besonders 2012, dem Jahr des drohenden (und erneut ausbleibenden) Weltuntergangs. Habe ich schon die Cover erwähnt? Nachdem ich das erste zweimal recycelt hatte, borgte ich mir schließlich eins (mit freundlicher Genehmigung des Schöpfers), und ging dann dazu über selbst alles wieder aktiver zu gestalten – genau wie damals bei den Kassetten. Die Haptik davon vermisse ich immer noch, und die Geräusche beim Aufklappen und herausnehmen ebenso. Schon CDs haben da deutlich weniger akustischen Charme.

Wie bringe ich jetzt Ordnung in diesen (Band)Salat, ohne gegen die Regeln zu verstoßen? Das ist einfacher, als man denkt. Manche Songs und Samples ziehen einander magisch an, oder man hatte sie schon im Ohr, als man sie hörte. Das kann so offensichtlich sein wie Fugazi unter dem entsprechenden Ausschnitt aus THE WOLF OF WALL STREET, und so subtil wie der legendäre erste Basston (einschließlich des Obertons, nachdem die Seite berührt wird) am Anfang von “I feel fine” der Beatles, den ich kurz nach dem Satz “with him it’s Beatles” in einem Ausschnitt aus Billy Wilders THE LOST WEEKEND unterlegt habe – das im Solo von “Eight Miles High” der Byrds vorkommt (vgl. Year 2012).

Dieser Wahnsinn hat Methode. Ob das jemand heraushört spielt für mich dabei keine Rolle, und manchmal schieße ich dabei über das Ziel hinaus. Am Besten ist eben immer noch die Beschränkung auf das Wesentliche. Mit der Zeit begreift man, dass es viel weniger jene Samples sind, die über Zeit und Raum in verblüffenden Dialog miteinander treten, sondern eher die langen Ausschnitte, die für sich selber sprechen. Solche Reden wie die von Walter Matthau in FAIL SAFE (vgl. Xmas 2009) findet man eher in älteren Filmen, als in solchen jüngeren Datums. Neben den immer mehr Raum einnehmenden Serien (was wohl auch auf meine Podcastaktivitäten zurück zu führen sein dürfte), war es dieses Jahr mal wieder das Genie von Preston Sturges, das mich gerettet hat. Dabei ist es immer wieder überraschend, wie harmonisch sich manches Sample in ein Musikkorsett einbinden lässt, wie rhythmisch präzise viele Texte gesprochen werden, und wie man einen Songtext quasi als Antwort oder gar Fortführung eines Dialoges oder Themas verstehen kann. Achtet mal darauf. Das ist kein Zufall. Ganz neu ist diesmal, dass es mit den “chicken”-Samples gar eine Art Überleitung aus dem Vorjahr gibt.

Das größte Kopfzerbrechen bereitete mir mal wieder eine Sektion, auf die ich lieber verzichten würde, und der ich nicht jedes Jahr einen eigenen Track einräume – die Rede ist von den “in memoriam” Momenten, die man auf fast jedem Mix findet. 2014 habe ich dem einen ganzen Track gewidmet (“The Rockford Files – Theme”), und dann ist es nicht einmal dabei geblieben. Gewissensbisse bekommt man dann, wenn sich keins der vorbereiteten Richard Attenborough Samples sinnvoll einbinden lässt, und man sich fragt, ob man weiter suchen sollte, und sehr schnell macht einem der Mix keinen Spaß mehr. Oder man ist frustriert, weil der “unchain my heart” Schnipsel von Joe Cocker nicht vor Bob Hoskins aus WHO FRAMED ROGER RABBIT passen will, wenn er sich von der Handschelle befreit. So viele Samples wie dieses Jahr habe ich vielleicht noch nie verwerfen müssen, und dann fehlen immer noch so viele, deren Stimme man höchstens aus Interviews einflechten könnte – das ist aber wieder eine jener ungeschriebenen Regeln, die ich (noch) nicht brechen möchte. Und irgendwann muss man sich davon trennen, loslassen, sonst wird aus einem Mixtape eine Mission, der man doch nie gerecht werden kann. Dann doch lieber entschieden weniger, als eine Oscar-Montage, die durch ihre schiere Masse den Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, und in der doch alle zu kurz kommen. Am besten Gefallen haben mir dort schon immer jene Momente, in denen ein Ausschnitt so kraftvoll sein Format gesprengt hat, dass es doch zu vereinzelten Lachern im Publikum reichte. Ob ich diesem Anspruch nahe komme, beurteilt bitte jeder lieber für sich.

Genau diese Art von intensiver Auseinandersetzung mit dem Material, der Musik, den Filmen, den Serien, den Schauspielern und Autoren durch die Brille meiner assoziativen Wahrnehmung, die Freude und der Frust den ich dabei empfinde sind es, die mich auch dieses Jahr wieder dazu bringen werden allerlei Schnipsel zu sammeln, meine Augen und Ohren offen haltend. Dabei lerne ich jedesmal etwas Neues, über mich, mein Gedächtnis, meine Wahrnehmung – und wenn es euch auch ein wenig unterhält, schmunzeln lässt oder nachdenklich macht, dann freut mich das, und ist mir zusätzlicher Ansporn diese, meine einzige Neujahrestradition, weiter aufrecht zu erhalten.

Über Jens Prausnitz

Filmemacher, Vater, Ehemann. In Deutschland geboren, in Polen wohnhaft, in Europa zuhause.
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