Ode to René – or next level curation

Dies ist ein offener Brief an René Walter, Kurator und Querkopf des Blogs Nerdcore, von dem er die letzten zwei Monate beinahe so etwas wie Urlaub gemacht hat, nachdem ihm – wie vielen anderen auch – die Kommunikation im Netz auf die Nerven ging. Sowohl inhaltlich – weil meist schon mal dagewesen – wie formal, weil unverhältnismässige persönliche Angriffe immer mehr zur Normalität werden und es meist gar keinen anderen Ausweg mehr gibt, als eine Auszeit zu nehmen.

Jetzt ist René zurück und schickt sich dieses Wochenende an, seinen Blog für die nächsten 10 Jahre fit zu machen. Auf seine Ankündigung einer Auszeit hatte ich schon spontan was geschrieben, die besseren Gedanken kamen mir aber erst später, und die versuche ich jetzt zu sortieren.

Das Netz scheint sich um sich selbst zu drehen, wenn die gleichen Säue wieder durchs virtuelle Dorf getrieben werden, doch vielleicht ist das nur der Punkt, an dem es nicht um immer neue Ideen geht, sondern um die richtige Verknüpfung eben jener miteinander, und nicht nur Ideen und Projekte, sondern auch konkrete Personen mit ihnen zu verbinden, die davon keine Ahnung hatten.

Und ich glaube, dass ist es, was mich am Wort “Nerdcore” immer fasziniert und angezogen hat, dass es uns im Kern darum geht, Interessen und Menschen miteinander zu verknüpfen, damit man das neue Buch von A, die Platte von B, den Film von C nicht verpasst, usw. Dabei geht es nie um den neuesten heißen Scheiß, sondern um die Sachen und Themen, zu denen man immer zurück findet, die einen begleiten wie gute Freunde.

Wie oft hat René STAR WARS schon abgeschworen, und kehrt doch immer wieder zurück. Es gibt Liebe, von der wir nicht loskommen, von der wir nicht lassen können, selbst wenn sie uns mehr weh, als gut tut. Es gibt die Momente, wo wir sentimental werden und wieder diese alte Platte auflegen, und hören, weil es uns wieder 14 sein lässt:

Das führt uns alle immer wieder auf seinen Blog, und jeder findet dort seine Perlen und geht wieder seiner Wege, manche schicken ihm auch Links, lassen Kommentare da, und das war’s dann. Über die Jahre ist eine Datenbank zusammengekommen, die ein Mensch kaum mehr überschauen kann, ein Algorithmus allerdings erst recht nicht. René macht das aus dem Bauch heraus, und dieses intuitive bis größenwahnsinnige daran kann keine Maschine nachmachen, oder muss daran scheitern.

Ich glaube Nerdcore kann mehr sein, einen Schritt weiter gehen, als uns nur als Gast und Gelegenheitsspender durchzuwinken, sondern Katalysator, Durchlauferhitzer und Schmelztiegel. Wenn es Kern der Seite und damit seines Betreibers wäre, die richtigen Ideen mit den richtigen Personen zu verknüpfen, wie eine Partnervermittlung für Menschen, Projekte und Das-weiß-nur-René-allein. Das ist dein Lego-Baukasten, es bleiben immer Teile übrig, aber bau was draus, Klötzchen hast du genug gesammelt, es kommen ja keine oder kaum mehr neue dazu, jetzt kommt der Remix Teil, und der wird nachhaltig, der bringt den ganzen Zirkus auf eine höhere Umlaufbahn, ist es nicht das, was du willst, wovon du träumst? Oder ist das das, was ich mir wünsche, ist das mein Traum? Nein, ich lebe das, aber im bescheidenen Rahmen, mit persönlichen Kontakten, unter Freunden, aber auch einfach so im Netz, eine Filmempfehlung hier, ein Musikvorschlag hier, immer handverlesen, aus dem Bauch heraus.

Deinformation

Vor Jahren habe ich in der Sendung Kunst-Stücke auf Ö2 ein Interview mit einem Wissenschaftler gesehen, von dem mir nur ein Satz hängen blieb, der mich seitdem begleitet. Sinngemäß sagte er, das Problem des Informationszeitalters seien nicht die Informationen, sonder die Deinformation, also das wieder loswerden all jener Informationen, die man nicht benötigt. Das würde bald mehr Energie benötigen, als das Speichern der Informationen selber. Wenig hat mich so beeindruckt, wie das, und ich habe nie wieder etwas von Deinformation gehört oder gelesen.

Genau in der Situation stecken wir jetzt fest, und unsere Steuerung ist kaputt. Die Filterblase, die man nicht entleeren kann, und drum ersaufen wir in unserer eigenen Pisse. Hier müssen wir ansetzen, und dürfen nicht locker lassen, ehe wir eine Lösung gefunden haben. Dazu passt auch, was Douglas Adams in einem seiner Dirk Gently Bücher über Videorekorder geschrieben hat, nämlich dass die dazu dienen, sich die Sachen für uns anzusehen, die wir selbst nicht gucken möchten.

Vielleicht gibt es zyklisch Zeiten zum Sammeln und dann wieder solche, in denen man ausmistet, verknüpft, sortiert. Darum mach jetzt nicht einfach mit neuen, frischen Quellen weiter, oder jedenfalls nicht nur. Der Schritt zurück ist Teil des Anlaufs um höher zu springen, weiter zu kommen, eine neue Perspektive für den Captain:

Apropos youtube-Lieblingsszenen, man findet sie kaum, so viele gute fehlen, sind unauffindbar, und werden dann immer häufiger vergessen, weil man andere sucht, das ist genauso zum Kotzen wie Best-of-Alben – das ist Teil des Problems, nicht der Lösung. Es fehlt das Zuordnungsgefühl, wie ich es als Cutter brauche, bzw. früher, als man Filme noch ganz hat sehen müssen, wenn man die eine Szene, von der man sich auf dem Schulhof seit Jahren erzählte, noch einmal sehen wollte. Die war nie nur einen Klick weit entfernt, es brauchte Geduld, um die Lieblingsstellen wiederzusehen, oft Jahre, und das war gut so. Das gibt Kontext, wo sich etwas im Film befand, den man sonst vergisst, und mehr noch als das, der direkte Link, die Abkürzung macht die Erfahrung selbst ärmer. Man beraubt sich der Chance andere Highlights wiederzuentdecken, oder sich gar erst neu zu erschließen, zu erarbeiten! Wenn man sich stattdessen nur auf die Ausschnitte stürzt, die früher oder später den Film repräsentieren werden, wie Hitsingles Bands und Künstler, mit ihren Best-of und ebenso bescheuerten ultimate compilations, die einen des Werdegangs berauben, der Zwischenschritte, der schlechten Songs, der Füllnummern, dem Dünger, dem Wachstum, das es gebraucht hat, um zu reifen.

Uns alten Säcken fehlt Kontext, René, sonst laufen wir Gefahr, selbst die Best-of-Alben zu erstellen, die wir nie hören wollten.

So, das war er jetzt, mein Denkanstoß, machen wir was draus, wir alle, gemeinsam. Ich hab hier noch Fragmente zu Brieffreundschaften, Serien, Algorithmen, und eine noch unausgereifte Variation des Ganzen auf Englisch in Form des Cluetrain-Manifestos, aber dazu dann vielleicht ein andermal. Dieses Ding muss jetzt online, denn morgen bleibt es sonst nur auf meinem Rechner. Siehste? Das hab ich von dir gelernt :)

Oh, und ehe ich es vergesse: Mein Gott Walter, willkommen zurück.

Über Jens Prausnitz

Filmemacher, Vater, Ehemann. In Deutschland geboren, in Polen wohnhaft, in Europa zuhause.
Dieser Beitrag wurde unter Augenblicke, Deutsch, Gedanken, Gesellschaft, Kultur abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Protected with IP Blacklist CloudIP Blacklist Cloud