Sprung vom fahrenden Zug

Friedrich List und die erste grosse Eisenbahn

Wir verlernen zu Schauen. Wir halten permanent Ausschau, nach der nächsten Qualitätsserie, der nächsten Phase einer Franchise, der nächsten Fortsetzung. Daran selbst ist wenig auszusetzen. An der damit einhergehenden Ruhelosigkeit, der Angst etwas zu verpassen hingegen schon. Sie lähmt uns, hemmt unseren Genuss. Die Gleichzeitigkeit der Berichterstattung und Reaktionsvideos zur Ausstrahlung erzeugt einen Druck, der uns blind und taub macht, die Authentizität der unmittelbaren Reaktion unserer Reviews tauschen wir ein gegen tiefergehende Erkenntnisse, die erst in uns heranreifen und durch mehrmaliges Sehen bestätigt werden müssen. Für eingehendere spätere Analysen gibt es keinen Markt mehr, längst hecheln wir dem nächsten Trend hinterher, der gerade eben angelaufen ist. Übersättigung ist das, nein, schlimmer noch: Völlerei, seriell-industrielle Völlerei, weil alles probiert werden muss, selbst wenn man längst keinen Hunger mehr hat. Immer neue Gerichte werden uns aufgetischt, zum wiederholten Kochen eines Ausnahmegerichts bleibt kaum mehr Zeit, oder zum aaufwärmen von Speisen, die erst noch ziehen müssen, ehe sie ihren vollen Geschmack entfalten. Mit Serien und Filmen ist es genauso. Gut, als Kritiker oder Medienjournalist kommt man vielleicht nicht umhin sich professionell damit auseinanderzusetzen und wir teilen uns die Arbeit auch auf, trotzdem kann ich meine Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation nicht länger verbergen, ich bin zu alt für diesen Scheiß.

Zu keiner Zeit meines Lebens habe ich so viele Serien geguckt, wie in den letzen drei Jahren, dabei hielt ich nach dem letzten Rekordjahr keine weitere Steigerung mehr für möglich, und dennoch bleibt immer mehr ungesehen liegen. Das hat trotzdem oft großen Spaß gemacht, denn die Serien werden besser, im Durchschnitt weit besser als das, was ich in den 80er und 90er Jahren gesehen habe. Viel gesehen habe ich auch damals schon, und ich mache kein Drama daraus, dass der Anteil an Spielfilmen, die ich mir ansehe zurück geht, und zunehmend von Serien verdrängt wird. Ich schreibe gerne über Serien, und entwerfe selber welche, insofern ist das starke Interesse daran gar nicht weiter verwunderlich.

Wider der seriellen Völlerei

Der fundamentale Unterschied ist, dass ich früher die gleiche Serie wieder und wieder geguckt habe, wie ich auch viele meiner Lieblingsfilme wieder und wieder im Kino gesehen habe, bei Wiederaufführungen, in Retrospektiven auf Festivals, als Leiter und Vorführer des Hochschulkinos. Jeder sollte diese Erfahrung in der einen oder anderen Form kennen, am ehesten vielleicht von Musik, die man liebt, der Lieblingsplatte, der Lieblingsband, dem Lieblingsbuch, dem Lieblingsfilm. Dinge, die mit einem wachsen, die man immer wieder neu entdeckt, in denen man sich selbst neu findet, wenn man sich in ihnen spiegelt. So blickt aus dem Wiedersehen mit Captain Future nicht die Crew der Komet in unsere Gegenwart zurück, sondern unser unschuldiger, vergangener Blick eines jüngeren Selbst dem erwachsenen, heutigen Ich ins entsetzte Gesicht – entsetzt und glücklich, denn meine Wahrnehmung damals war selektiver, was mich nicht interessierte blendete ich aus. Im Wiedersehen von Serien, die einen bewegt haben kann man heute den eigenen Reifegrad ablesen, und um genau diesen Feedback-Loop berauben wir uns immer öfter.

So wie man als Autor oder Cutter sein Buch oder seinen Schnitt wieder und wieder überarbeitet und verfeinert, so schärfen wir als Zuschauer unseren Blick beim wiederholten Sehen, und unsere anfänglichen Meinungen können Erkenntnissen weichen – nicht nur solchen über die Serie, sondern vor allem über uns selbst. Erst dann bereichern Serien unseren Alltag. Sie können mehr sein, als nur ein Thema für die Mittagspause.

Viel zu oft betäuben wir uns schon mit dem nächsten heißen Serienneustart, der gleich alle anderen vorhergegangenen vergessen macht. Ein kühlerer Blick auf bereits Gesehenes wäre ebenso ratsam, wie sparsamer mit seinem Lob umzugehen, für das man sich obendrein mehr Zeit nehmen sollte. Uns gehen Einsichten verloren, wenn wir nichts mehr in Bezug zueinander setzen können, vor allem in Bezug zu uns selbst. Auf jeden medialen Zug aufzuspringen, der gerade vorbeifährt hat irgendwann zur Folge, das man ihm irgendwann vor Erschöpfung unter die Räder kommt. Bei mir ist es jetzt so weit.

Die intensivere Beschäftigung mit ausgesuchten Serien ist etwas, das mir fehlt und vielleicht bin ich nicht der Einzige, dem es so geht. Es gibt zwar zu fast jeder Serie Blogs oder Reddit-Gruppen, die sie eingehend und brandaktuell diskutieren, jede Meldung und Regung dokumentieren und kommentieren, doch eine journalistische, wissenschaftliche, persönlich gefärbte Aufarbeitung dessen fehlt mir. Mein innerer Zuschauer ist aus dem Gleichgewicht geraten, die Balance zwischen heute aktuell sein und gestern und morgen sowieso stimmt nicht mehr.

Ich will nicht während ich etwas sehe schon darüber twittern, ich erfassen den Sinn dieser Gleichzeitigkeit von allem einfach nicht. Bei einer langweiligen Sportveranstaltung kann ich das vielleicht noch nachvollziehen, doch in einen Film oder eine Serie will ich ungestört versinken können, da stelle ich alles aus und ab, allein dem Bildschirm oder der Leinwand gilt meine ganze Aufmerksamkeit. Wir sind gerade dabei zu verlernen, was es heißt sich Zeit für etwas zu nehmen.

Unser Medienkonsum is kaputt

Als Vergleich zur heutigen Sofortkommentierung ziehe ich eine fast vergessene Form der Kommunikation heran: Brieffreundschaften. Während man für Letztere aus den Ereignissen eines Monats jene auswählte, die überhaupt mitteilenswert waren, so gehen diese heute in einem endlosen Strom aus Nichtigkeiten beinahe verloren, man nimmt in Echtzeit am Nicht-Leben anderer Teil, die einen damit obendrein vom eigenen abhalten. Ständig piepst und vibriert es in den Hosentaschen, als sei ein Floh oder sonstiges Ungeziefer in unserem Klamotten unterwegs. Wir tanzen den digitalen Ungeziefer-Blues. So laufen wir Gefahr, dass die eigenen Nachrichten ein Spiegel dessen werden, was wir selber lesen, die Hemmschwelle wenig interessantes öffentlich zu machen sinkt. Das soll nicht heißen, das alles schlecht ist, was schnell passiert, der mentale Quickie, der gute alte Geistesblitz vergammelt nicht nur mehr im eigenen Notizbuch, sondern in jenem hunderter Follower. Der Druck “auch was zu machen” setzt uns allen zu, nachgeben muss man ihm noch lange nicht. Ich schätze Twitter sehr, ebenso wie andere Medien, nur fehlt uns die Pause davon, um die Eindrücke zu verarbeiten.

Gut, es gibt Konzentrationsapps, die einem das Internet blockieren, was schon verrückt genug ist und unseren Mangel an Selbstdisziplin unterstreicht. Einfach mal langsamer machen, ausmisten, ordnen, aufräumen – vor allem uns selbst. All der Lärm übertönt unsere innere Stimme, die sich fragmentiert in den Streams verliert, zwar rekonstruierbar bleibt, bliebe uns überhaupt mal eine freie Minute dazu.

Auch in Brieffreundschaften gab es jene herausragenden Momente, wenn es beispielsweise herbe Einschnitte im Leben der anderen gab, Haustiere oder gar Familienmitglieder starben, man sich plötzlich seines eigenen Outputs schämte, Trost zu spenden versuchte, sich intellektuell und emotional gefordert sah, aber stets mit der Versicherung, nicht innerhalb von Minuten die adäquate Antwort parat haben zu müssen. Unser Luxus in der damaligen Kommunikation war Zeit, die uns heute fehlt und unsere Kommunikation ärmer macht, weil wir keine Nacht mehr darüber schlafen, Gedanken gar nicht erst reifen oder verwelken lassen. Wir ersaufen in unseren Nichtigkeiten, die allesamt der Nachwelt erhalten zu werden drohen.

Es heißt, Zeit heile alle Wunden. Dann reißt uns die Zeitlosigkeit umgekehrt in Stücke, wir sind eine klaffende Wunde, für die es nur Trostpflaster, aber keinen Arzt gibt. Man rang in der Brieffreundschaft um Worte, die selbst dann, wenn sie nicht gut gewählt waren, zur Zeit als sie eintrafen doch ihre Wirkung entfalten konnten. Denn in der vergangenen Zeit zwischen Absenden und Empfangen hat der Heilungsprozess der Wunde längst eingesetzt. Heute ist nichts mehr gut genug, wir jammern und beschweren uns zu Tode. Heute ist das doof mit heruntergelassenen Hosen dastehen der Normalzustand. Einen Daumen anzuklicken ist nicht das Gleiche, wie selbst einen Gedanken formuliert zu haben, ohne bereits im Vorfeld ablesen zu können, ob eine Meinung bereits populär ist, wohin der Hase läuft, die Masse, die Mehrheit, wer Recht hat.

Hochzeit-Festival im familiären Rahmen

Wie überkommt man der allgegenwärtigen Quantifizierung im Internet anders, als durch eine Auszeit? Gar nicht, genausowenig wie der Gravitation, man kann aber damit umgehen lernen, Muskeln entwickeln, sich nicht davon herunterziehen, aufputschen oder abstossen lassen und seinen eigenen Weg gehen. Wir brauchen unseren eigenen Kompass durch’s Internet, im Internet, für das Internet.

Diese Muskeln muss ich erst wieder trainieren gehen, ich mag nicht mehr im Akkord gucken. Daher werde ich mich in nächster Zeit rarer machen, wieder mehr an meinen eigenen Geschichten schreiben, vielleicht ab und an vergessene Serien ausgraben und darüber berichten.

Das Prinzip Netflix nimmt dem ganzen Zirkus immerhin ein bisschen die Hysterie, was sie gekonnt von der DVD-Box in das Streaming-Wesen überführt haben. Sich mit Serien bzw. ihren Staffeln als Ganzes auseinanderzusetzen, fühlt sich für mich richtig an. Die Fragmentarisierung mag ich nicht mehr mitmachen. Ich liebe Festivals, als Höhepunkt und Ausnahme der Mediennutzung, plus die nicht zu unterschätzende soziale Komponente. Das fehlt mir bei Serien, sie mit anderen Fans zusammen genießen zu können, ohne Pausetaste, aber als Gruppe. Die Fernsehgleichzeitigkeit mit online Hashtag hat damit nichts zu tun. Im Kino macht man die Geräte ja auch aus, wenn man einigermaßen kultiviert ist. Ablenkungsfreier Genuss einer Serie und sich anschließend im Foyer oder einer Kneipe bis tief in die Nacht austauschen können – was könnte schöner sein?

Die Gleichzeitigkeit der Medien macht mich krank, darum gehe ich wieder dazu über sie nacheinander zu nutzen. Ich bin weder “digital native” noch “digital naive”, vielleicht ein Dinosaurier, bestimmt ein Romantiker. Dreimal oder öfter die Woche von einer Serienwelt in die andere springen mag ich nicht mehr. Jede Woche eine andere Serienwelt, aber ununterbrochen? Ja, bitte! Wenn dafür keine Zeit ist, dann schaue ich endlich mal wieder einen Spielfilm, möglichst alt und vergessen soll er sein, wie ein entfernter Verwandter vielleicht, den man lange nicht besucht hat. Dementsprechendes Trägermaterial habe ich ja genug im Regal stehen, also Filme – nicht Verwandtschaft. Gute Filme und Serien fühlen sich aber so an wie Familienmitglieder, im guten wie im schlechten Sinne. Sie gehören zu uns, wir können uns mit ihnen streiten, endlich Frieden schließen, zusammen feiern, oder alles auf einmal, in beliebiger Reihenfolge. Damit kann ich leben, denn in so einer Familie tanzt man nie auf allen Hochzeiten gleichzeitig, nur nacheinander. Das ist meist schon anstrengend genug.

Über Jens Prausnitz

Filmemacher, Vater, Ehemann.
In Deutschland geboren, in Polen wohnhaft, in Europa zuhause.

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9 Kommentare zu Sprung vom fahrenden Zug

  1. Ragnarök sagt:

    Das ist ein interessantes Thema für einen Biertreff in Berlin, da ich anderer Meinung bin. Die Idioten, die während des Guckens twittern, gibt es Zuhauf, und ihnen bleibt jede höhere Erkenntnis, jeder Wert eines Serienproduktes verwehrt, ja, sogar zurecht.
    Auch ich habe wohl zu keiner Zeit meines Lebens so viele Serien geguckt – aber ich bin froh über das Angebot, über die Völlerei, weil sie mich nicht beeinträchtigt, sondern bereichert. Ich könnte mir eine Serie bspw. nie für einen Tag oder ein Wochenende aufheben, ich bin auch nicht damit zufrieden, wie House of Cards unters Volk gebracht wird. Denn gerade dieser Wochenrhythmus lässt mich mit einer Serie wachsen. Dazu zählt der Austausch mit anderen, das Lesen journalistisch-wissenschaftlich gefärbter Beiträge; die gibt es meines Erachtens.
    Wenn ich die Serien nun so guckte wie du – ohne dir das madig machen zu wollen – würde mir etwas fehlen. So intensiv das Durchgucken am Stück scheinen mag, so wenig bleibt am Ende genau deshalb hängen (und dann kommt es ja auch noch darauf an, was man guckt). Ich beschäftige mich intensiver mit einer Serie, wenn sie im Wochenrhythmus gezeigt wird, und wenn sie mir besonders gut gefällt, gucke ich sie irgendwann ein weiteres Mal, und ein weiteres Mal. Am Ende ist es vielleicht eine persönliche Frage. Jeder nutzt und konsumiert schließlich anders. Ich finde es grandios, dass ich nach einer neuen Folge im Internet an unzähligen Diskussionen teilnehmen oder mannigfache Recaps lesen kann. Dabei entsteht mir kein Druck, auch etwas Derartiges machen zu müssen oder zu wollen, allenfalls aus Liebe zu einer Serie.
    Dass sich die Kommunikation über Serien also verändert hat, stimmt absolut. Nur liegt es doch an mir selbst, wie ich diese Kommunikation umsetze. Und Brieffreundschaften funktionieren auch nur, wenn der andere Teil der Freundschaft irgendwann auf Nachrichten antwortet *winkmitdemzaunpfahl* ^^
    Ab heute gucke ich The Fall (Serie), morgen folgen dann die neuen Folgen von The Leftovers und Homeland, mittwochs flimmert Fargo über den Bildschirm und zwischendurch, beim Sport, gönne ich mir immer „24“. Damit bin ich gut ausgelastet und schiebe auch keine weiteren Serien mehr ein, die ich auch noch auf der Liste habe (bspw. The Affair und The Knick). Jede Woche eine andere Serienwelt, aber unterbrochen? Ja, bitte!

    • Schön, dass du mich zu einer weiteren Differenzierung zwingst, was der Debatte nur förderlich sein kann. Angefangen damit, dass sich nicht jede Serie automatisch zum am Stück gucken eignet, selbst abseits von Krimi-Formaten, die ohnehin auf den Fall der Woche ausgelegt sind und von der Auslassung profitieren, die sich parallel zum Leben der Zuschauer abspielt. Das lässt Raum für das Privatleben der Ermittler. Vom Prinzip täglicher Seifenopern sprechen wir auch nicht, sondern vermutlich ausschließlich von dem, was zur Zeit gerne als Qualitätsserie bezeichnet wird.

      Auch dort kommt es auf die einzelne Serie an, welche Rezeption und Auseinandersetzung besser zu ihr passt, also am Stück oder Häppchenweise. Die weiterführende Beschäftigung damit funktioniert meiner Meinung nach in beiden Fällen gut. Das Serienerlebnis am Stück, zum Beispiel mit Freunden via Beamer 5 Folgen GAME OF THRONES zu gucken, ziehe ich jedem Fanforum vor. Da sitzt man danach auch noch zusammen, redet, trinkt, schwelgt, hadert. Das Internet läuft einem da nicht weg. Man nimmt sich halt mehr Zeit. Es wird einem auch erschwert, so lange nicht jede Serie so verfügbar ist wie neuerdings bei Streaminganbietern. Für manche scheint es halt viel mehr darauf anzukommen im Internet „Erster!“ posten zu können, Spoiler inklusive. Ich ziehe den ununterbrochenen Seriengenuss vor, an 2-3 Tagen eine Staffel schauen, wie man auch ein spannendes Buch liest. Liest du gerne 5 spannende Bücher gleichzeitig, ein Kapitel von jedem pro Woche? Dagegen wende ich mich, was ich wegen meiner Autorentätigkeit auf Fortsetzung.tv lange genug so gehandhabt habe und in meiner Kindheit und Jugend ging es ja gar nicht anders. Dessen bin ich müde und überdrüssig geworden. Tolle Serien will ich genießen, so wie früher, wenn man mit seinen VHS-Aufzeichnungen von TWIN PEAKS die Runde gemacht hat, bis man die Serie mit all seinen Freunden mindestens 1x gesehen hat. Das war damals mein Ideal und ist es heute noch. Jetzt würde ich das gerne so im Kino erleben, Säle buchen können und alles auf einer großen Leinwand sehen, nicht mehr in Wohnzimmern.

      Bei Serien wie GAME OF THRONES tue ich mich schwer mit dem Warten, weil ich das ganze Jahr über spekuliere, auf Reddit über jede bekloppte Theorie schmunzele oder mich davon anstecken lasse – aber im Grunde freue ich mich noch viel mehr auf die Zeit nach dem Hype, wenn alles etwas entspannter gehandhabt wird.

      Bleibt die Frage nach Serien, die ich auch heute noch lieber eher im Wochenrhythmus sehen möchte … hm, den TATORTREINIGER zum Beispiel. Am Stück geht mir die Dialoglastigkeit sonst irgendwann auf die Nerven. Sonst habe ich dieses Jahr nichts gesehen, was nicht von größeren Blöcken profitiert hätte, tut mir leid. PENNY DREADFUL, FARGO, THE LEFTOVERS – alles war mir am Stück lieber, entsprechend freue ich mich jetzt auf die abgeschlossenen Staffeln von THE AFFAIR und THE KNICK. Die Feiertage können kommen :)

    • Ragnarök sagt:

      „Liest du gerne 5 spannende Bücher gleichzeitig, ein Kapitel von jedem pro Woche?“

      Nein, schon deshalb nicht, weil ich die Bücher immer vorliegen habe, ich kann einfach weiterlesen, wenn ich möchte. Wöchentlich erscheinende Serien kann ich nicht einfach weitergucken, wenn ich möchte, es sei denn, es ist eine Binge-Serie. Zudem sind Bücher kein „Ereignis“, die im Alltag in Gesprächen eine große Rolle einnehmen. Man spricht mal über dies und jenes Buch, aber es gibt doch sehr selten Bücher jenseits der Belletristik, die im Kollektiv gelesen werden. Ich merke es selber immer wieder, dass viele Leute über Homeland oder Breaking Bad oder LOST gesprochen haben, wohin gegen House of Cards oder OITNB nur kurze Erwähnungen fanden: „War ’ne gute Serie!“. Letztere hat man an einem bestimmten Zeitpunkt im Jahr gesehen, andere hingegen über einen Zeitraum.
      Beim Lesen finden ganz andere kognitive Prozesse statt. Es ist „einfacher“, etwas zu gucken. Beim Lesen baue ich mir meine Kulisse, ich gucke mir aber auch gerne andere Kulissen an. Es kommt aber durchaus vor, dass ich ein Buch über mehrere Wochen verteilt lese. Noch dazu kann ich ein Buch in 10 Stunden auslesen oder eine 10-teilige Staffel einer Serie gucken – die Serie ist damit noch lange nicht fertig erzählt.

    • Was die kognitiven Prozesse angeht, hast du sicher Recht, in der Hinsicht ist es auch doof Bücher und Serien zu vergleichen. Andererseits hinkt er nur ein bisschen, da die Geschichte oder Staffel am Stück vorliegt. Genau das kommt meiner Vorliebe entgegen und darum ziehe ich diese Form der Rezeption den Häppchen vor.

      Bleibt die Frage nach der Ereignis und Live-Charakter. In der Sozialpsychologie gibt es den Effekt, dass unsere emotionale Beurteilung einer Situation von den Rahmenbedingungen abhängig ist, also das es einen Unterschied macht, ob man seinem “Seelenpartner” auf einer Hängebrücke über einem Abgrund oder in der Kantine um die Ecke begegnet. Das “verfälscht” das Ergebnis, es ist “unscharf”, wie es sehr ähnlich in der Physik (Heisenbergsche Unschärferelation) heißt. Jedenfalls kenne ich das auch noch aus Zeiten, als am Samstag nur WETTEN … DASS lief, oder VERSTEHEN SIE SPASS und derlei mehr, oder die Weihnachtsmehrteiler im ZDF, was man jetzt gerne als Lagerfeuer-Fernsehen bezeichnet. Davon ist nichts geblieben, außer einem Schatten, wie der TATORT, weil der so vorhersehbar langweilig ist, das man bequem nebenher darüber Twittern kann. Das scheint vielen Leuten Spaß zu machen und das sei ihnen ungenommen. Nur das Programm ist eigentlich austauschbar, die soziale Komponente des Publikums ist wichtiger, als das Programm selbst. Nur um mitreden zu können, würde ich mir aber weder den TATORT noch andere Programme ansehen, dafür ist mir meine Zeit zu schade.

      Leichter tue ich mich mit Fussballwelt- oder Europameisterschaften, die ich immerhin ein bisschen verfolge, aber Olympia und sonstiges ist schon wieder überhaupt nichts für mich. Verstehen kann ich das schon.

      Also bleiben Serien übrig, von denen ich Fan bin, beispielsweise GAME OF THRONES. Könnte ich, dann würde ich sie schon am Stück gucken. So möchte ich sie so zeitnah wie möglich sehen, sonst könnte ich kaum mehr das Internet nutzen ohne mich zu ärgern. Trotzdem nehme ich den Lärm um die Staffel-Ausstrahlung herum nehme dabei viel weniger war, als z.B. noch bei BREAKING BAD, wo es durchaus Monate zwischen den Staffeln gab, wo man von dem Stoff ganz runter war. Auch das hat einen psychologisch gut erforschten Hintergrund, denn etwas, das uns Spaß macht, macht uns mit der Zeit immer weniger Spaß, es sei denn wir unterbrechen es. Dann ist es nach der Pause wieder ganz genauso aufregend, wie zu Beginn. Das ist aber eine rein physiologische Reaktion, die hat nichts mit der Qualität einer Serie zu tun, obwohl es sich so anfühlt. Für mich ist der Mittelweg irgendwo dazwischen, denn am Stück gucke ich auch keine Staffel, selbst wenn ich könnte. Mehr als 2 oder 3 Folgen à 60 Minuten mag ich nicht gucken, aber eigentlich immer mehr als eine :)

    • Gottfried Rudolf sagt:

      Nööööö, der Vergleich hinkt immer noch, und zwar gewaltig, weil ich mich wie du auch auf *die* Serien bezogen habe, die wöchentlich erscheinen. Wo liegt denn hier die Staffel im Ganzen vor? ^^ Beim Buch ist das der Fall, weshalb man die Rezeption beider Medien allerhöchstens gegenüberstellen kann, wie ich finde. Du hast dich in deinem Ausgangstext eindeutig auf Serien bezogen, die im Wochenrhythmus erscheinen. Die Relativierung lass ich dir nicht durchgehen :P

      Wie ich den durchaus interessanten Exkurs über Sozialpsychologie als Antwort einzuordnen habe, weiß ich nicht. Dafür reichen meine kognitiven Prozesse nicht aus :-D Aber vielleicht wolltest du einfach nur noch etwas hinzufügen? Denn eine Frage nach einem Live- oder Erlebnischarakter habe ich gar nicht gestellt!?! Verwirrt du mich hast! Wüsste ich jetzt, wie der Effekt heißt, hätte ich es gegooglet.

      Klar, GoT würde ich auch am Stück gucken, allerdings nur, weil ich es nicht mehr aushalte :-) Letztes Jahr habe ich auch die ersten vier illegalen Folgen am Stück gesehen. Dann musste ich zwar fünf Wochen warten, bis die Geschichte weitergeht, aber ich würde jederzeit wieder so handeln. Und natürlich der böse Spoiler-Effekt – gut, dass du das ansprichst.
      Ein weiterer Vorteil der wöchentlichen Serien ist dann natürlich auch die Möglichkeit, Podcasts machen zu können. Zehn Podcasts sind besser als einer! :-)

    • Hm, ich hab den Verdacht, dass wir da ein bisschen aneinander vorbei reden. Wöchentlich erscheinende Serien kann man ja “ansparen”, wenn man denn so lange warten kann. Je nach Serie muss man nicht einmal so lange warten, bis sie auf DVD erscheinen, sondern z.B. im konkreten Fall von FARGO oder BETTER CALL SAUL via Netflix eben nur so lange, bis alle Folgen ausgestrahlt wurden. Worauf ich hinaus wollte ist, dass ich ich lieber anspare, als wöchentlich zu gucken (was mir früher nichts ausgemacht hat, jetzt aufgrund der Masse an tollen Serien habe ich die Lust daran verloren – das Serienerleben wird mir zu fragmentarisch).

      Du hast ja eingangs geschrieben, dass du dir Folgen nicht aufheben möchtest, dass du den zeitnahen Diskurs und Austausch schätzt. Die einzige Serie, bei der ich darauf tatsächlich nicht verzichten möchte ist GAME OF THRONES – weil ich an dem Diskurs teilnehmen möchte, und zwar während er passiert. Bei allen anderen Serien erweise ich mich als geduldiger, habe weniger Mitteilungsdrang oder störe mich nicht an längerer Reflexion des Gesehenen und der zugehörigen Artikel.

      Wie du selbst gesagt hast, ich glaube auch dass das eine sehr persönliche Sache ist, vielleicht auch eine, die sich mit dem Alter ändert – dann wäre ich jetzt wohl das wandelnde Beispiel dafür. Wenn ich das ganze “Buch” habe, dann lese ich so viel wie ich mag und habe gleichzeitig die Gewissheit mitten in der Nacht meinen Heisshunger nach dem nächsten Kapitel / der nächsten Folge stillen zu können – ohne zu müssen. Da vertraue ich ganz meinem Bauchgefühl.

      Was Podcasts angeht, nehme ich – wie du weißt – lieber einen auf, als 10. Aber warten wir es mal ab, ob ich es dann tatsächlich so lange aushalte :)

  2. Toc6 sagt:

    Ich finde, das nicht nur unser Medienkonsum kaputt ist, sondern weite Teile unserer Welt. Während man früher auf den Bus oder die Bahn wartete, war einfach Auszeit. Das fanden viele Leute nicht angenehm, aber das war so – und das war am Ende gut, denn es war Pause, musste Pause sein. Heute ist Smartphone. Oder Laptop. Und in den beiden passiert alles gleichzeitig, und die beiden passieren auch noch gleichzeitig. Alles muss sofort passieren. Sofort soll der Online-Shop antworten, der Kollege ebenso. Im März 2012 hab ich meine Gedanken dazu mal versucht zu sortieren: http://zwei.drni.de/archives/1232-Willkommen-in-der-Sofortzeit.html (Man muss sich Zeit nehmen…)

    „Ständig zieht irgendwas an mir“, so könnte man doch das Gefühl beschreiben, oder? Während ich die eine Serie kucke, warten schon 10 andere. Und wie viele Aufgaben warten solange auf mich? Noch den Text schreiben, und den anderen redigieren, und dann noch auf der Webpage was programmieren, und dokumentieren, und wenn das alles gleichzeitig im Kopf stecken will, weil alles gleichzeitig passieren muss, dann ist das vor allem eines: Stress in Reinform. Und: Manche Dinge funktionieren in diesem Zustand nur sehr schwer. Zum Beispiel Musizieren mit Emotion.

    Kein Wunder redet so langsam wirklich jeder in meinem Umfeld von Achtsamkeit und mehr im Jetzt sein.

    • Ein Wort was mir dazu einfällt und das noch nicht gefallen ist, ist “Langeweile”. Das passt nicht nur an die Bushaltestelle, oder zum Bahnfahren, sondern überall dahin, wo der Leerlauf im Kopf keinen Halt an irgendetwas findet. Dazu muss man vielleicht im Jetzt sein, aber deswegen noch lange nicht “da”. Wegdriften kennen wir ja auch spätestens seit dem Walkman, wenn uns die Musik nicht nur daheim vor der Stereoanlage in andere Welten transportiert hat, sondern genauso draußen, zu Fuß, auf dem Fahrrad, überall. Aber Langeweile ist ja etwas das sich erst dann einstellen kann, wenn man sich vom Informationsfluss trennt, und dazu gehört auch das meditative Aufgehen in der richtigen Musik im rechten Moment. Langweile ist Unwohlsein, das Gehirn hat eben mal nicht nur zu wenig zu tun, sondern es ist auch nichts greifbar, womit man sich von diesem Unwohlsein ablenken könnte. Unser Hirn braucht das ja, ist dazu gemacht Sinneseindrücke zu verarbeiten und die “digital natives” kommen damit bestimmt besser klar, als die etwas Älteren unter uns. Die Frage an sie wäre also, wann sie zuletzt Langeweile empfunden haben und wie lange sie diesen Zustand auszuhalten in der Lage sind. Dann wird es spannend, wie ich finde.

      Wenn unser Gehirn gänzlich von Sinneswahrnehmung gekappt wird, beginnt es sich seine eigene Unterhaltung zu basteln und wir halluzinieren. So hat wohl jeder Mensch (s)eine Schwelle, einen Hunger nach Information, woran man sich genauso überfressen kann, wie an Nahrungsmitteln. Das richtige Maß kommt uns vielleicht abhanden, aber das kann man ja lernen.

      Mir geht es besser, seit ich mit dem Internet kürzer trete. Es macht süchtig, mehr noch als Zigaretten würde ich sagen. Als Medium ist es fantastisch und noch sehr jung – wie man damit richtig umgeht müssen wir noch lernen, was es alles leisten kann und es mit uns oder aus uns macht.

      In diesem Artikel habe ich mir halt nur einen Aspekt herausgegriffen, aus meiner beruflichen Praxis, in der ich über Serien schreibe. Ich schreibe auch Drehbücher und da heißt es nicht umsonst, dass man immer mehrere Ideen in der Schublade haben sollte. Allerdings arbeitet man an denen auch nie wirklich gleichzeitig, sondern immer nur an einer. Kommt man dann dort nicht weiter, steigt man auf ein anderes um, so umgeht man Schreibblockaden, das ist reine Technik. Es kommt schon auch mal vor, dass eine Idee aus einem anderen Buch mal auftaucht, die wird dann eben notiert (genauso wie neue Eingebungen) und dann widmet man sich weiter dem “einen” Projekt. Das ist kein Multitasking. Jedenfalls handhabe ich das so und bin glücklich damit.

      Beim Seriensehen war ich unglücklich darüber, wenn ich mehrere gute Serien parallel gesehen habe. Als Teenager in den 80er Jahren habe ich vieles gleichzeitig in mich aufgesogen – davon war der Großteil aber Müll, der durch beide Augen reinkam aber keine Eindrücke hinterließ, abgesehen von Strukturmerkmalen, wie “das der Böse noch einmal aufsteht”. Was eben schnell langweilig wird. Dann kam TWIN PEAKS und das wischte all den Müll aus meiner Filmdiät. Ich wollte von dieser einen Serie wissen, wie es weiter geht, alles andere wurde nebensächlich.

      Das ist es wohl. Ich habe Sehnsucht nach einer Hauptsache. Meine Aufmerksamkeit will ich nicht teilen. Liest man mehrere Bücher gleichzeitig? Finde ich auch doof. Oder noch besseres Beispiel: Hört man gleichzeitig mehrere Platten an? Wer hasst nicht jene Lärmverschmutzung in Einkaufszentren, manchmal selbst innerhalb des gleichen Geschäfts, wenn sich mehrere Tonquellen überschneiden und einander Konkurrenz machen?

      Nein, ich will meine aktuelle Lieblingsserie nicht unterbrechen um andere fantastische Serien zeitnah gesehen zu haben. Im Augenblick sehe ich entspannt die zweite Staffel von THE AFFAIR und genieße sie in vollen Zügen.

      Visuelle Trennkost. Ich trinke nicht durcheinander, ich lese, höre und schreibe nicht durcheinander, so soll es auch mit meinen Serien und Filmen sein. Ein Hoch auf die ungeteilte Aufmerksamkeit.

      PS: Hab den Artikel gelesen, ist doch überhaupt nicht lang! Habe übrigens kein Smartphone und vermisse nichts. So sehr ich es manchmal genieße spontan eine Reaktion zu Twittern (aber eben Zuhause am Rechner), genauso genieße ich etwas dort in 140 Zeichen oder weniger zu formulieren, womit ich es nicht eilig habe. Manche Dinge müssen eben reifen. Das sind dann auch eher die Sachen, die länger Bestand haben und einen über den jeweiligen Moment hinaus erfreuen. Haltbarkeit und Nachhaltigkeit fallen mir dazu als Begriffe ein. Und Langeweile ist ein Weg (von vielen) dorthin, wenn man sie denn aushalten kann, bis aus einem selbst Impulse kommen und man die Finger von Telefon und Internet lässt. Wie wär’s mit einem freiwilligen, netzfreien Sonntag?

  3. Pingback: Podcast: Peak TV – Wer guckt eigentlich was und spricht darüber? – Fortsetzung.tv

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